Schubladen und Brillen

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Die sieben Seelenrollen der Archetypenlehre von Hasselmann/Schmolke, hier entlang der jüdischen Menora dargestellt

Ordnungssysteme sind immer nur begrenzt hilfreich

Die mittelalterliche Temperamentenlehre, die heute noch in der Waldorfpädagogik weiterlebt, die zwölf Tierkreistypen der Astrologie, die vier Persönlichkeitstypen analog zu den Seelenfunktionen nach C.G. Jung, die neun Typen des Enneagramms, die sieben Seelenrollen aus der Archetypenlehre von Hasselmann/Schmolke, Einteilungen aufgrund von den fünf Elementen, acht Himmelsrichtungen oder neun kosmischen Strahlen – es gibt eine Vielzahl von Systemen, die Ordnung in die unüberschaubare Vielfalt menschlicher Individualitäten bringen sollen. Sie alle können dir im Prozess der Erkenntnis und Selbsterkenntnis helfen aber dich auch hindern.

Wir sind einmalig, unverwechselbar – und sind es doch nicht. Sobald wir als Mensch inkarnieren, in die Welt der Erscheinungen eintauchen, unterliegen wir allerhand Gesetzen. Unbestreitbar ist, dass mein Organismus genauso aufgebaut und strukturiert ist, wie der Organismus aller Menschen. Ja, es gibt hier sogar durchaus Ähnlichkeiten mit Tieren wie etwa Schweinen oder Primaten. Wir sehen große und kleine, dicke und dünne Körpergestalten, aber alle haben die gleichen Knochen, Muskeln oder Organe. Und doch: Der Fingerabdruck eines jeden Menschen ist unverwechselbar, keine Iris gleicht der eines anderen Menschen.

Nochmal die Seelenrollen, diesmal in einer Hagalrune angeordnet

Unser Verstand arbeitet mit Kategorien. Das ist offensichtlich. Er ist das Werkzeug, mit dem wir versuchen, unsere Eindrücke und Erfahrungen zu ordnen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich unsere frühesten Verstandesbegriffe auf die Zyklen der Natur bezogen: Tag und Nacht, Neumond, Halbmond und Vollmond, Frühling, Sommer, Herbst und Winter oder auch Geburt, Wachstum, Verfall und Tod. Und es mag sein, dass unsere Vorfahren früh bemerkten, dass Menschen, die am Frühlinganfang zur Welt kamen, irgendwie anders waren als jene, die im Herbst geboren wurden. Ich vermute, dass die ersten „Typologien“ auf derlei Beobachtungen zurückgehen. Aufgefallen wären sie uns aber nicht, wenn wir nicht das Bedürfnis gehabt hätten, unsere Eindrücke und Erfahrungen verstehend zu durchdringen.

Es ist hilfreich, Kategorien, Einteilungen bzw. Schubladen zur Hand zu haben. Wenn ich weiß, dass jemand ein Kriegertyp ist, kann ich sein Reaktionsmuster eher verstehen, als wenn ich nicht wüsste, dass es so etwas wie einen Kriegertypus überhaupt gibt. Im günstigsten Fall habe ich dadurch mehr Verständnis für sein tendenziell aggressives Auftreten.

Erkenne ich, dass mein Gegenüber ein melancholisches Temperament hat, werde ich ihm nicht sofort eine Depression attestieren, wenn es ihm – für meinen Geschmack – an Geselligkeit mangelt. Im gleichen Sinne würde ich von einem Intuitionstyp nicht erwarten, dass er seine Ahnungen und Bilder in intellektuellen, logisch einwandfreien Erklärungen kommuniziert.

Eine Mahnung

Sämtliche Schubladensysteme sind intellektuelle Konzepte, das dürfen wir nicht vergessen. Sie existieren nicht unabhängig von mir. Ein Baum ist ein Lebewesen und weiß nichts von Gattungen, Arten und Familien. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich mein Apfelbaum selbst nicht als „Apfelbaum“ oder Malus domestica versteht. Manche Menschen haben einen langen, schmalen, sehnigen Körper und doch ist die Bezeichnung „asthenischer Typ“ eine Verallgemeinerung von Körpermerkmalen, um die einmalige Gestalt eines besonderen Körpers einer bestimmten Klasse zuordnen zu können. Sie verweist auf eine Idealform, der in der Praxis aber kein einzelnes Individuum jemals zur Gänze entspricht.

Die große Gefahr sämtlicher Ordnungssysteme besteht darin, dass sie nicht länger unseren Beobachtungen folgen, sondern ihnen vorausgehen.

Dann werden aus Schubladen Brillen, durch die wir sämtliche Phänomene betrachten. Gehe ich beispielsweise davon aus, dass der Mensch mir gegenüber eine junge Seele ist, nehme ich ihn entsprechend wahr. Das heißt konkret, dass ich einen materialistisch eingestellten, tendenziell oberflächlichen, vielleicht bigotten, möglicherweise auch aggressiven Tatmenschen erwarte, einen Menschen, der für die Tiefen von Seele und Geist überhaupt keinen Sinn hat. Und weil sich mein Konzept „junge Seele“ über meine Wahrnehmung legt, trete ich mit einem Vorurteil an diesen Menschen heran. Ich sehe nicht ihn; ich sehe mein Konzept. Hat nun aber ein Medium einem Menschen bescheinigt, eine alte Seele zu sein, ändert sich meine Einstellung sofort. Diesmal erwarte ich einen abgeklärten, tiefsinnigen und weisen Menschen, der weniger durch sein Tun und Haben, sondern vor allem durch sein Sein in Erscheinung tritt. Vielleicht verspüre ich gar eine gewisse Ehrfurcht vor diesem Menschen, was ich nicht tun würde, wenn ich von seiner „alten Seele“ nichts wüsste. Auch hier steht dann ein Vorurteil zwischen mir und meinem Gegenüber.

Fazit: Psychologische, astrologische, spirituelle oder andere Ordnungssysteme können hilfreich sein. Aber du solltest bei ihrer Anwendung immer bedenken, dass der Mensch mehr ist als die Schubladen, in die du ihn steckst, mehr als die Kategorien, unter denen du ihn subsumierst. Behalte immer einen offenen Blick für das, was sich dir JETZT in der Begegnung offenbart. Sei offen für Überraschungen! Vergiss nicht, dass jeder Mensch wesentlich einmalig ist, eine Gattung für sich, wie Rudolf Steiner einmal sagte. Er oder sie ist viel mehr als alles, was Begriffe, Modelle und Konzepte jemals erfassen könnten.

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