Wie der Weise sich bescheidet
Wenn wir eine alte Heilige Schrift lesen, sehen wir uns oft mit unwahrscheinlichen Geschichten, unlogischen Erzählungen und schwer verständlichen Passagen konfrontiert. Uns ist klar, dass wir diese Mitteilungen nicht wörtlich verstehen sollen, dass es sich nicht um Tatsachenberichte historischer Geschehnisse handeln kann. Aber was sagen sie wirklich aus? Auf der Suche nach einer Antwort, trachten wir danach, dem Gelesenen einen tieferen Sinn zu entnehmen, indem wir es interpretieren. Auch unsere Träume, die uns häufig ebenfalls unverständlich erscheinen, suchen wir zu deuten, auszulegen. Wir wollen doch verstehen, worauf sie uns aufmerksam machen. Die Traumbilder werden zu Symbolen, die zu enträtseln sind. Wer das öfter macht und dabei intellektuell einigermaßen beweglich bleibt, erkennt schnell, wie leicht es ist, alles Mögliche in das Traumbild hineinzuinterpretieren.
Für unseren Verstand ist die Sinnsuche tatsächlich wie ein Spiel, wie die Entschlüsselung eines Kryptogramms oder Kreuzworträtsels. Wir durchforschen unser Gedächtnis und assoziieren mehr oder weniger automatisch dieses und jenes zu dem, was wir geträumt oder gelesen haben. Der Verstand hat seine eigene Genialität und wir können uns von seiner Pfiffigkeit und Erfindungsgabe berauschen lassen. Bleiben wir aber kritisch und betrachten sein Spiel mit etwas Distanz, erkennen wir, dass er seine Ausdeutung wie einen bunten Teppich über das Geträumte oder Gelesene ausbreitet. Er knüpft ein Muster und deckt damit das eigentliche Phänomen zu. Anders gesagt, er konstruiert einen eigenen Sinn, eigensinnig könnte man sagen, und verstellt uns damit die Sicht auf das, was als objektiver Sinn dem Traumbild oder der überlieferten Erzählung innewohnt.

Es gibt wohl keinen sicheren Schutz gegen die Spekulationen des Verstandes. Wenn uns etwas einfällt, können wir nicht leicht unterscheiden, ob es sich um eine der ständigen automatischen Assoziationen handelt, oder ob sich uns tatsächlich objektiver Sinn in Erinnerung bringt. Sobald wir anfangen über den Einfall nachzudenken, sind wir der Versuchung ausgesetzt, ihn nach unseren subjektiven Vorstellungen, Wünschen oder Erwartungen zu interpretieren. Es gibt allerdings eine Disziplin, die uns davor bewahren kann, zu hochtrabenden, fantastischen oder abstrakten Auslegungen hingerissen zu werden. Sie besteht darin, nah am Wort zu bleiben.
Nehmen wir zum Beispiel das Wort „Schöpfung“, von dem doch in Heiligen Schriften oft die Rede ist. Warum sprechen wir von „Schöpfung“? Geschöpft wird zum Beispiel Wasser. Woraus wird es geschöpft? Aus einer Quelle. Wo ist der Ursprung der Quelle? Irgendwo im Innern des Berges, also verborgen. Das aus der verborgenen Quelle geschöpfte Wasser wird uns eingeschenkt, das heißt: geschenkt. Es spendet Leben. Das Leben fließt aus der verborgenen Quelle. Wenn wir aber die Quelle vergessen und uns vom dahinfließenden Wasser davontragen lassen, sind wir der Zeit unterworfen. Auch die Zeit fließt ununterbrochen dahin. Sobald aber die Quelle versiegt, endet auch der Strom. Unsere Zeit ist zu Ende. Ein anderes Wort für Quelle ist Brunnen oder, etwas veraltet, Born. Das Wort Born zeigt eine hörbare Nähe zu „geboren“, was auf Englisch heute noch „to be born“ heißt. So könnte man Schöpfung auch als stetige Geburt aus einer verborgenen Quelle bezeichnen.

Ein Meister in dieser Disziplin, nah am Wort zu bleiben, war der in Lemberg geborene und in Holland aufgewachsene Friedrich Weinreb. (Mehr über ihn erfährst du hier.) Gestützt auf eine alte und überaus reichhaltige chassidische Überlieferung erzählte Weinreb zeitlebens die Geschichten der Bibel so, dass er dabei gewissenhaft den inneren Bedeutungen und Verbindungen der Worte nachspürte. Für ihn bestand ein lebendiger Zusammenhang zwischen Erzählen und Zählen, denn der hebräischen Überlieferung ist es gelungen, eine genaue Zuordnung aller Buchstaben zu bestimmten Zahlen bis auf den heutigen Tag zu bewahren. Im Grunde erzählt bereits die Abfolge der Buchstaben im sogenannten Alphabet eine vollständige Schöpfungsgeschichte.
Diese Kabbala, das Wort heißt einfach „Überlieferung“, erlaubt Weinreb beispielsweise, zwischen den Wörtern „Geburt“ und „Türe“ einen Sinnzusammenhang zu erkennen. Geburt heißt auf Hebräisch „toled“ und setzt sich aus den Buchstaben Taf, Lamed, Daleth mit den Zahlen 400-30-4 zusammen. Türe dagegen heißt „daleth“, was die gleiche Zahlenstruktur hat, nur in umgekehrter Reihenfolge: 4-30-400. Durch die Türe betreten wir das Haus, hebräisch „beth“. Beth ist auch der Name des zweiten Buchstabens und bezeichnet die Welt der Zweiheit, in der wir leben oder wohnen.
Um einen Eindruck davon zu vermitteln, welch erstaunliche Wunder und tiefe Weisheit diese althebräische Überlieferung kennt, zitiere ich hier eine kurze Passage aus dem Hauptwerk Friedrich Weinrebs, das auf Deutsch „Der göttliche Bauplan der Welt“ heißt: „Der erste Schöpfungsbericht, die Erzählung von den 6 Schöpfungstagen, von der ‚Geburt‘ der Welt, von ihrem inneren Kreis um den Kern, enthält in der hebr. Tora genau 434 Worte. Es ist dies der Totalwert von ‚Daleth‘ (4-30-400) und von ‚toled‘ (400-30-4).“1 Hier leuchtet die Erkenntnis auf, dass die immerwährende Geburt aus dem Verborgenen die Türe ist, durch die das Ewige in das Zeitliche eintritt.

Für die deutsche Sprache ist uns keine derart vollständige Zahl-Zeichen-Struktur überliefert. Bruchstücke sind wohl noch in den alten Runen zu finden, aber ihre Überlieferungen sind nicht einheitlich. Es gibt verschiedene Alphabete und Zuordnungen, so dass es nicht nur an Klarheit fehlt, sondern auch Widersprüche auftreten. Dennoch können wir in den Wörtern unserer Sprache Sinnzusammenhänge entdecken. Ich demonstrierte das bereits anhand des Wortes „Schöpfung“. Betrachten wir nun ein anderes Beispiel. Das Wort „schicken“ ist nicht nur mehrdeutig, sondern über den Wortstamm „schick“ auch mit „Schicksal“ und „geschickt“ verbunden. Wir sahen vorhin, dass uns Schöpfung geschenkt wird, eingeschenkt. Hier können wir sagen, dass uns unser Schicksal geschickt wird. Wir sind geraten, uns darin zu schicken, es also geduldig zu ertragen. Und wir bedürfen des Geschicks, um dem Weg, auf den unser Schicksal uns hinausschickt, treu zu bleiben. Dem sich in diesem Weg offenbarenden Willen der Seele zu folgen, heißt auf den Eigenwillen zu verzichten. Wer das vermag, ist in moralischem Sinne keusch. Interessanterweise sind die Wörter „keusch“ und „schick“ dem Laut nach aus denselben Konsonanten aufgebaut, nur jeweils in umgekehrter Reihenfolge.
Wenn unsere Sprache, wie das heute vielfach geschieht, mit zahlreichen Fremdwörtern durchsetzt wird, entfremdet sie sich uns. Wir hören oft nicht mehr auf das, was die von uns benutzten Wörter selbst aussagen. So ist es schwer, auf Sinnzusammenhänge zwischen Wörtern aufmerksam zu werden. Gerade akademisch Gebildete gebrauchen gerne Lehnwörter aus dem Englischen oder Latein. Damit mögen sie ihr Schulwissen demonstrieren in der Hoffnung, Status, Einfluss und Bewunderung zu erlangen. Aber sie bemerken oft nicht mehr, was sie wirklich sagen. Denn sie benutzen ihr Begriffsarsenal als Mittel zur Selbstdarstellung, anstatt still dem Klang und Eigenwert der Worte nachzulauschen. So verwirrt sich ihnen der Sinn einer Überlieferung, da sie die bescheidene Gesinnung des Lernenden nicht wahren. Gleich standesbewusst wie verstandeshörig verwischen sie jede Sinnspur mit immer schlauer konstruierten Konzepten und Interpretationen. Der Weise dagegen ist wie ein liebender; er bescheidet sich mit dem, was die Geliebte ihm zeigt und gibt. So reift in ihm schließlich ein poetisches Bewusstsein.
- Friedrich WEINREB, Der göttliche Bauplan der Welt, Origo Verlag Bern, 19785, Seite 73 ↩︎
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