Wer war, wer ist Friedrich Weinreb?

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Es ist wohl generell unmöglich, einem anderen Menschen mit einer Beschreibung auch nur halbwegs gerecht zu werden. Man steckt nicht in seiner Haut, hat nicht seine Erfahrungen gemacht, und weiß erst recht nicht, wie der Himmel ihn sieht. Das gilt insbesondere für jemanden wie Friedrich Weinreb, der zum einen als chassidischer Jude einem mir fremden Milieu entstammt, zum anderen ein sehr bewegtes und ereignisreiches Leben hatte.

Am einfachsten zu nennen sind noch die trockenen, äußerlichen Fakten und Zahlen: Geboren 1910 in Lemberg, Flucht der Familie vor den Wirren des Ersten Weltkrieges nach Wien und kurze Zeit später, 1916, nach Holland, in die Residenzstadt Den Haag. Sozialisation als „ostjüdischer“ Holländer mit jüdisch-orthodoxer Lebensweise. Studium der Volkswirtschaft in Rotterdam. Spirituelle Offenbarung, Durchbruch des Geistes, während seiner Inhaftierung 1945. Professur für Ökonometrie und Statistik in Djakarta, Indonesien und Ankara, Türkei. Seit den sechziger Jahren zahllose Vorträge vor allem in den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz über den verborgenen Sinn der biblischen Überlieferung. Gestorben 1988 in Zürich.

Man kann bei der Aufzählung solcher Einzelheiten nicht viel falsch machen. Es handelt sich um unstrittige Tatsachen. Aber sie sind wie Name und Jahreszahlen auf einem Grabstein; sie sagen rein gar nichts darüber aus, wie dieser Mensch gelebt hat. Doch genau das will ich hier versuchen, sehr wohl wissend, dass mir bestenfalls eine Annäherung gelingen kann. Wer Friedrich Weinreb im Sinne der Ewigkeit ist, bleibt mir natürlich genauso verborgen wie der Wesenskern eines jeden Menschen. Und doch glaube ich, dass man in einer lebendigen Beziehung auch dafür ein Gefühl bekommen kann.

Wenn nun bereits im Vorfeld feststeht, dass ich diesem Menschen mit meinen Worten nicht gerecht werden kann, weshalb schicke ich mich dann überhaupt an, über ihn zu schreiben? Da ist zunächst ein persönliches Interesse. Ich habe Friedrich Weinreb in den letzten Jahren seines Lebens mehrmals sprechen hören, in München, in der Erzabtei Sankt Ottilien am Ammersee und, zusammen mit meinem Lehrer Manfred Graf Keyserling, in Kißlegg im Westallgäu. Als er im Oktober 1988 seinen Vortrag in München beendet hatte, folgte ich einem Impuls und trat zu ihm auf das hölzerne Podest, um mich von ihm zu verabschieden. Wenige Tage später starb er in seinem Wohnort Zürich. Dieser Händedruck kurz vor seinem Tod wurde für mich zum Zeichen einer inneren Verbindung. Tatsächlich fühle ich mich diesem Menschen, seinen Werten und seinem Bibelverständnis verbunden, heute mehr noch als damals. Äußerlich gesehen gibt es eine sonderbare Koinzidenz. Friedrich, damals Freek, wuchs im niederländischen Scheveningen auf, dem küstennahen Stadtbezirk Den Haags, wo ich viele Jahrzehnte später, als ich vorübergehend dort wohnte, eine dramatische Lebenswende erlebte.

Ich könnte es natürlich bei dieser gefühlten Beziehung belassen, Weinrebs Bücher studieren und seine zahllosen Vorträge aus dem Tonarchiv (den Link dazu gibt es unten) anhören. Aber ich verspüre das Bedürfnis, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, weil ich sehe, dass er gerade in den Niederlanden immer wieder missverstanden und gar als Fantast und Hochstapler diffamiert wurde. Sogar noch nach seinem Tode hörte die üble Nachrede nicht auf, wie ich selbst in Amsterdam erfuhr. Im Grunde erlitt er gerade in den Niederlanden ein, wie ich es empfinde, sehr jüdisches Schicksal, das Schicksal eines Iwri, eines Jenseitigen. Er tat Gutes, rettete hunderte, wenn nicht gar tausende Juden vor der Deportation nach Auschwitz, und wurde nach dem Krieg dafür beschimpft, verleumdet und verfolgt.

Ich bin kein Historiker und habe nur eine einzige Quelle erforscht, nämlich Weinrebs eigene Schilderungen der Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges und danach. Diese erstrecken sich über mehrere Tausend Seiten und sind erstaunlich konkret mit vielen Namen, Zahlen und Angaben zu Ort und Datum. Nun könnte man meinen, hier versuche sich jemand für die Geschichtsbücher in ein gutes Licht zu rücken. Doch genau den Eindruck habe ich bei der Lektüre nicht bekommen. Die Art und Weise, wie er seine Erlebnisse und Begegnungen beschreibt, ist angenehm nüchtern. Er verzichtet auf jedes Pathos und bemüht sich, jedem Menschen, den er beschreibt, und es sind sehr viele, gerecht zu werden. Sich selbst stilisiert er nicht zum Helden, sondern macht deutlich, wie sehr ihn Angst und Verzweiflung sowie die Dynamik der Umstände antrieben. Auf der anderen Seite findet er sogar noch für seine Peiniger von der Gestapo einfühlsame Worte.

Für mich ist in diesen Memoiren deutlich spürbar, dass Friedrich Weinreb in der extremen Notlage als Jude unter dem Nazi-Regime in Holland aus seinem Glauben heraus getan hat, was er konnte, um anderen zu helfen. Dieses „umsonst“ handeln, das nach Weinrebs Darstellung in der alten hebräischen Überlieferung einen so herausragenden Stellenwert hat, war bereits für die Menschen um ihn herum fremd und unverständlich. Schon in guten Zeiten, ohne Not und Bedrängnis, sind wir es gewohnt, davon auszugehen, dass jeder aus Eigeninteresse handelt, immer erst an seinen Vorteil und Profit denkt. Dieser Selbsterhaltungstrieb zeigt sich in Kriegszeiten natürlich noch viel drastischer. Wer in solch einer Lage nicht nur an sich denkt, erregt schnell Verdacht. Man kann einfach nicht glauben, dass es noch etwas anderes als Naturgesetze gibt. Man kann nicht glauben, dass die Liebe zu Gott und damit auch die Liebe zum Menschen stärker ist als der Egoismus. Ich nehme es Weinreb ab, dass er geglaubt und tief innerlich gefühlt hat, dass Gott von ihm erwarte und sich darüber freue, dass er, wo immer möglich, Menschenleben rettet, und sei es nur ein einziges. Ich nehme es ihm auch deshalb ab, weil ich ihn erlebt habe, seine Weisheit, seine Abgeklärtheit und vor allem seine Menschlichkeit. Für mich war spürbar, dass die geistige Quelle in ihm sprudelt, dass Glaube, Hoffnung und Liebe in ihm leben.

Die Liebe zum Leben brachte ihn immer wieder mit starr funktionierenden Behörden und Institutionen in Konflikt. Insbesondere in den Kriegsjahren, aber auch danach, haderte Weinreb mit der Bürokratie und mit all denen, die administrative Ordnung, „Papiere“, Stempel, Weisungen, Regeln und Legalität höher schätzten als Menschen und deren Leben. Für ihn waren das fantasielose Beamtenseelen, die fleißig gemäß den Weisungen von höherer Stelle arbeiteten und gar nicht auf die Idee kamen, zum Wohle der Menschen kreativ zu werden und Spielräume zu nutzen. Er sah solch „brave“ Bürokraten überall. Sie begegneten ihm in den Einwohnermeldeämtern mit ihren sauber geführten Karteien, die die Nazis nach ihrem Einmarsch in die Niederlande sofort darüber aufklärten, wer Jude war, wer Halbjude, wer in gemischter Ehe lebte und wo genau all diese Leute wohnten. Er erkannte die Papier- und Stempel-Fetischisten bei den Nazi-Behörden genauso wie bei den Juden selbst und verzweifelte fast daran, dass so viele seiner Schicksalsgenossen selbst angesichts von Tod und Verderben nach den Regeln der bürgerlichen Gesellschaft leben wollten. Zahlreiche Juden tauchten deshalb nicht unter, weil es „illegal“ war, weil es sich „nicht gehörte“, so etwas zu tun. Ich kann mir Weinrebs Verzweiflung angesichts dieser Obrigkeitshörigkeit nur zu gut vorstellen.

Auch hier prallen Welten aufeinander. Auf der einen Seite die Welt der Gesetze, in der Zahlen und Berechnungen, Zugfahrpläne und Frachtpapiere, Listen und Pläne den Stellenwert von Götzen haben. Auf der anderen Seite die Welt des Glaubens, in der das Leben heilig ist und die weltliche Gesetzestreue niemals das letzte Wort hat. Friedrich Weinreb hielt sein Leben lang Gott die Treue, dem Gott im Innern, der Neschamah, dem wahren, geistigen Ich. Er sah sehr wohl, dass er damit bei den Naturwissenschaftlern, Darwinisten, Materialisten und Karrieristen seiner Zeit auf Unverständnis und Ablehnung stieß. Doch er konnte nicht anders.

Dennoch wandte er sich nicht von der Welt ab. Im Gegenteil! Er war zeitlebens im weltlichen Sinne äußerst aktiv, sei es als vielgefragter Unterstützer bedrängter Juden während der Kriegsjahre, sei es als Familienmensch und vierfacher Familienvater, als Hochschullehrer, als Berater des indonesischen Präsidenten Sukarno, als Leiter verschiedener Bibelkurse oder als unermüdlicher Vortragsreisender. Nach seinem Verständnis ist ein Mystiker jemand, der mit beiden Beinen in der Welt des Daseins steht. Er strebt in allem, was er tut, nach der Einheit von Diesseits und Jenseits, vom äußerlichen, weltlichen und innerlichen, geistigen Leben. Sofern ich das beurteilen kann, hat sich Friedrich Weinreb ehrlich und redlich bemüht, ein mystisches Leben im Sinne dieser Einheit zu führen. Ob es ihm gelungen ist, kann nur seine Neschamah wissen.

Literatur

Weinreb, F., Die Haft. Erinnerungen 1945 bis 1948, Thauros Verlag, Weiler im Allgäu, 1988

Weinreb, F., Die langen Schatten des Krieges. Band I, Im Land der Blinden, Thauros Verlag, Weiler im Allgäu, 1989

Weinreb, F., Die langen Schatten des Krieges. Band II, Klug wie die Schlange, sanft wie die Taube, Thauros Verlag, Weiler im Allgäu, 1989

Weinreb, F., Die langen Schatten des Krieges. Band III, Endspiel, Thauros Verlag, Weiler im Allgäu, 1989

Weinreb, F., Meine Revolution. Erinnerungen 1948 bis 1987, Thauros Verlag, Weiler im Allgäu, 1990

Hier geht es zum Friedrich Weinreb Tonarchiv:

Der Betreiber des Tonarchivs hat darüber hinaus eine eigene Website:

Kommentare

Lieber Herr Heffels,

mit Freuden habe ich Ihren Artikel gelesen! Besonders gefreut hat mich der persönliche Charakter des Textes, der für mich als Leser nicht nur ehrlich wirkt, sondern gewissermaßen auch nicht anfechtbar ist. „So habe ich es erlebt“, ist ein Zeugnis, das wie ein Fels in der Brandung steht.

Dieter Miunske

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