Ist in der Anthroposophie Platz für Platoniker, Platz für mich?

Die platonischen Körper

Aristoteliker prägen die Bewegung

Was für eine Frage! – ist dir vielleicht beim Lesen der Überschrift durch den Kopf gegangen. Aber wenn du dich für das, was die Anthroposophie sein könnte und sein sollte, interessierst, ist diese Frage, wie ich meine, durchaus von Belang. In den Karma-Vorträgen, die Rudolf Steiner im letzten Jahr vor seiner finalen Erkrankung hielt, vor jetzt genau hundert Jahren, spricht er wiederholt auch vom Karma der anthroposophischen Bewegung. In diesem Zusammenhang weist er auf die Bedeutung der griechischen Philosophen Plato und Aristoteles hin. Er stellt klar, dass es eine Art übersinnliche Zusammenarbeit zwischen den Anhängern beider Strömungen, den sogenannten Platonikern und Aristotelikern, gab und gibt. Die Platoniker, so heißt es, waren im 11. und 12. Jahrhundert stark in der Schule von Chartres tätig, während die Aristoteliker später vor allem als scholastische Dominikaner in Erscheinung traten. Ich erwähne diese Hintergründe, weil Rudolf Steiner der Ansicht war, dass zu seiner Zeit, also am Anfang des 20. Jahrhunderts, vor allem Aristoteliker zur anthroposophischen Bewegung fanden. Die Platoniker, so meinte er, würden erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts dazukommen.

Die Logik des aristotelischen Denkens

Woran erkennt man einen Platoniker? Und was kennzeichnet den Aristoteliker? Wenn ich versuche zu verstehen, inwiefern sich platonisches und aristotelisches Denken unterscheiden, so fällt mein Blick sofort auf die zentrale Bedeutung der Logik in der Philosophie des Aristoteles. Das logische und damit auch kritische Denken, das uns heute so selbstverständlich ist, geht maßgeblich auf Aristoteles zurück. Mir erscheint sein Denken wesentlich weltzugewandter als das seines Lehrers Plato, sofern man unter „Welt“ die physische Realität der irdischen Natur versteht. Während Plato seine Gedanken noch stärker als Inspiration aus der geistigen Welt erlebt, versteht Aristoteles sein Denken offenbar so, dass er die Gedanken aus sich selbst heraus hervorbringt. Hatte Plato noch so empfunden, dass er gesagt hätte: Es denkt durch mich, war Aristoteles offenbar einer, der meinte: Ich denke.

Von dieser Vorstellung, dass wir die Gedanken ohne geistige Einflussnahme von außen irgendwie selbst hervorbringen, kann man eine gerade Entwicklungslinie bis zur materialistischen Auffassung verfolgen, nach der unsere Gedanken ausschließlich vom Gehirn produziert werden.

War Steiner ein Aristoteliker?

Soweit mir bekannt ist, hat sich Rudolf Steiner selbst nirgendwo explizit einer der beiden philosophischen Strömungen zugeordnet. Allerdings soll er für seine Individualität einen karmischen Zusammenhang mit dem großen Dominikaner Thomas von Aquino angedeutet haben. Damit hätte er sich selbst klar in die Reihe der Aristoteliker gerückt. Für diese Zuordnung Steiners zu der Philosophie des Aristoteles spricht auch, dass er die von ihm initiierte Geisteswissenschaft als die logische Fortentwicklung der Naturwissenschaft seiner Zeit ansah. Und diese Naturwissenschaft geht zumindest mittelbar auf die Logik des aristotelischen Denkens zurück.

Was heißt platonisches Denken für mich?

Die Welt der Entwicklung, die erscheinende, ständig sich ändernde Welt existiert, wie ich meine, nicht für sich und durch sich selbst. Sie ist eine Schöpfung, ob man sie nun als eine Kreation Gottes oder, in der Sprache der Neuplatoniker, eine Emanation des Allgeistes ansieht. Sie ist durchaus real so wie auch mein physischer Körper real ist, kann aber als Geschöpf nur mit Blick auf den Schöpfer oder die in ihr wirkenden schöpferischen Kräfte als das erkannt werden, was sie ihrem Wesen nach bedeutet. Alles Erscheinende oder – wie es bei Goethe heißt – alles Vergängliche hat Gleichnis-Charakter. Es verweist als Sinnbild auf einen darin sich ausdrückenden Sinn. Der Sinn ist verborgen, entzieht sich der gewöhnlichen Sinneswahrnehmung, kann aber von jedem Menschen in der Seele erlebt werden.

Wenn das geschieht, verbindet sich in mir die erscheinende, natürliche mit der verborgenen, geistigen Welt. Das Erleben ist dabei entscheidend. Zwar kann das Denken helfen, den Gleichnis-Charakter der physischen Realität zu verstehen. Aber der Sinn ist keine gedankliche Konstruktion, sondern etwas, dass unmittelbar seelisch, das heißt innerlich erlebt wird.

Wie ist nun das Verhältnis von Sinn und Sinnbild? Um es näher zu bestimmen, ziehe ich die Bibel als Beispiel heran. Im Sinne mancher Neuplatoniker wie Philon von Alexandrien, auch im Sinne der hebräischen Überlieferung, deren zeitgenössischer Vertreter Friedrich Weinreb war, enthält die Bibel keine historischen Berichte, sondern sinnbildliche Darstellungen innerer Realitäten, beziehungsweise des inneren, unbewussten Selbst. Zwischen Sinn und Sinnbild besteht dabei eine intime Beziehung, die man mit dem Entsprechungsgesetz des Hermes Trismegistos „wie oben, so unten, und wie unten, so oben“ charakterisieren könnte. Jeder himmlische Sinn zeigt sich auf Erden als Sinnbild. Das Sinnbild ist keine willkürliche Zuordnung, die quasi durch bewusste, rationale Vereinbarung festgelegt wird. So etwas wäre am Ende doch bloß ein Gedankenspiel, ähnlich der vernünftelnden Interpretation eines Traumes. Wäre es etwas Beliebiges, könnte ich alles Mögliche hineininterpretieren oder hineingeheimnissen. Das Sinnbild ist die Offenbarung; es sagt sich selbst aus. Nicht ohne Sinn heißt es zum Beispiel „Lamm Gottes“; es könnte nicht ebenso gut „Kalb Gottes“ oder „Fohlen Gottes“ heißen. Das Lamm, so wie es uns hier auf Erden erscheint, ist eine Offenbarung des himmlischen Lammes.

Dem natürlichen Werden in Zeit und Raum, insbesondere jeder geschichtlichen und lebensgeschichtlichen Entwicklung, hält der Platoniker das ewige Sein des Geistes, die göttlich wesenhaften Ideen entgegen. Dieses überzeitliche Sein kann sich plötzlich in Erinnerung bringen. Dabei offenbart sich etwas, was in der Welt des Geistes immer schon vorhanden ist. Diese Offenbarung durch Wiedererinnern, griechisch: Anamnesis, ist nicht etwas, was ich mit Hilfe von Üben und Arbeiten allmählich erlangen kann. Sie tritt eher spontan auf, etwa bei der Betrachtung eines Gegenstandes oder beim Hören eines sinnreichen Satzes. Sie kommt – um mit Paulus zu sprechen – „wie ein Dieb in der Nacht“[1]. Ein Dieb ist ein Einbrecher und so könnte man sagen, dass im Moment der Wiedererinnerung der Geist oder das ewige Sein wie ein Blitz senkrecht in die Waagerechte des zeitlichen Verlaufs einbricht. Das Wort Blitz führt mich spontan zu einem bemerkenswerten Offenbarungsereignis im Leben des Thomas von Aquino, über das Rudolf Steiner berichtet. [2]  Thomas sei noch ein Kind gewesen, als er durch einen nahen Blitzeinschlag, also im wörtlichen Sinne „schlagartig“ in die Lage versetzt wurde, eine Kopie des Astralleibes des Jesus von Nazareth aufzunehmen. Ich weiß nicht, inwiefern diese Blitzinitiation vom italienischen Knaben bewusst erlebt wurde, aber es ist anzunehmen, dass sich ihm dabei das ewige Sein Christi stark in Erinnerung brachte.

In der physischen Welt, in der es die zeitliche Entwicklung gibt, haben Oben und Unten, Vorne und Hinten oder Früher und Später durchaus ihre Gültigkeit. Doch in der nichtphysischen, geistigen Welt sind derlei räumliche und zeitliche Zuordnungen nur bedingt anwendbar, wenn nicht gar gänzlich untauglich. Das sah Rudolf Steiner nicht anders. Eine Aussage aus dem Herbst 1918 mag das verdeutlichen: „Die Zeit ist das wichtigste Medium der menschlichen Täuschung. … Die Zeit ist nicht das, als was sie die Menschen ansehen …, sondern die Zeit ist in ihrer Wirklichkeit etwas ganz anderes. Und das, was der Mensch als Wirklichkeit ansieht, ist eben auch eine Maja, eine große Täuschung.“[3] Die hebräische Überlieferung trägt dieser Tatsache Rechnung, indem sie, etwa in der Gestalt Friedrich Weinrebs, betont, dass es in der Bibel kein Vorher oder Nachher gibt.

In der physischen Welt, in der es die zeitliche Entwicklung gibt, haben Oben und Unten, Vorne und Hinten oder Früher und Später durchaus ihre Gültigkeit. Doch in der nichtphysischen, geistigen Welt sind derlei räumliche und zeitliche Zuordnungen nur bedingt anwendbar, wenn nicht gar gänzlich untauglich. Das sah Rudolf Steiner nicht anders. Eine Aussage aus dem Herbst 1918 mag das verdeutlichen: „Die Zeit ist das wichtigste Medium der menschlichen Täuschung. … Die Zeit ist nicht das, als was sie die Menschen ansehen …, sondern die Zeit ist in ihrer Wirklichkeit etwas ganz anderes. Und das, was der Mensch als Wirklichkeit ansieht, ist eben auch eine Maja, eine große Täuschung.“[3] Die hebräische Überlieferung trägt dieser Tatsache Rechnung, indem sie, etwa in der Gestalt Friedrich Weinrebs, betont, dass es in der Bibel kein Vorher oder Nachher gibt.

Ist der Platonismus überhaupt noch ernst zu nehmen?

Dass die uns bloß erscheinende Wirklichkeit „eine Maja, eine große Täuschung“ (Steiner) sei, ist ein Behauptung, die üblicherweise eher mit dem Platonismus als mit dem Aristotelismus in Verbindung gebracht wird. So beklagt Rudolf Steiner, Plato habe „der Meinung Vorschub geleistet, als ob die Sinneswelt für sich, abgesehen von dem Menschen, eine Scheinwelt sei…“[4] Dieser missverstandene Platonismus führte zu der Dualität des mittelalterlichen Weltbilds, in dem ein irdisches Jammertal unvereinbar einem unerreichbar fernen Himmelreich gegenüberstand. Jenem konnte man nicht entkommen und dieses nicht verstehen. Solche Missverständnisse sind nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Schriften Platos, im Gegensatz zu jenen Aristoteles‘, im Mittelalter kaum bekannt waren.

Wenn ich über Platonismus lese, begegnet mir die Einschätzung, dass diese philosophische Strömung irgendwie rückwärtsgewandt, vorwissenschaftlich und im Grunde vollständig widerlegt sei. Modern ist die Annahme, dass Ideen bloß Konstrukte des Gehirndenkens sind und Worte nichts weiter als etwas Konventionelles, das heißt, das Ergebnis einer mehr oder weniger bewussten Vereinbarung zwischen Menschen einer gewissen Sprachgemeinschaft. Die Vorstellung etwa, dass es Worte Gottes gibt, vom Geiste offenbarte Worte, kann im Denken des modernen Menschen nur als Aberglaube verstanden werden. Ich habe das Gefühl, dass so etwas wie Gnade, also etwas völlig Überraschendes, unbedingt und unverdient, in der Anthroposophie wenig Platz hat. Zu sehr, so scheint mir, liegt der Nachdruck auf Wille, auf willentlicher Bemühung, willentlichem Ergreifen oder Eigeninitiative.

Platonismus ist nicht „logisch“ in dem Verstande wie es das aristotelische Denken ist. Das heißt aber nicht, dass er unsinnig oder widersinnig wäre. Wenn die Zeit, wie Steiner meint, eine Täuschung ist und die Geister der höheren Hierarchien in einem „Reich der Dauer“[5], in der Ewigkeit, existieren, so fällt die Kausalität, die logische Verbindung von Ursache und Wirkung, als Werkzeug zum Verständnis der geistigen Welt weg. Dann kann man mit voller Berechtigung sagen, dass Christus ist, ehe Adam war. Der Satz ist nicht logisch, kann aber dennoch Wahrheit für sich beanspruchen. Gleichsinnig lässt sich sagen, dass der Erlöser da ist, bevor es zum Sündenfall kam.

Also stelle ich die Frage einmal so: Wie viel Arationaliät und Ahistorizität verträgt die Anthroposophie? Der Entwicklungsgedanke ist in ihr sehr präsent und dominant. Unser Planet, die Menschheit und jeder einzelne Mensch werden fortlaufend als Gewordenes und weiterhin Werdendes betrachtet. Wie selbstverständlich stellt Rudolf Steiner geistige Realitäten, auch solche die er als karmische Zusammenhänge bezeichnet, in einen geschichtlichen Kontext, der eine Reihenfolge, ein Früher und Später und damit auch eine gewisse Kausalität aufweist.

Dass Rudolf Steiner zum Platonismus auf Distanz ging, mag im Übrigen auch damit zu tun haben, dass sich der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant auf Platos Ideenlehre bezog, als er postulierte, dass der Mensch niemals zum „Ding an sich“, also zur reinen Idee, vordringen könne. Steiner hat Kant vor allem wegen diesem Postulat immer wieder scharf kritisiert, wobei er auch vor Polemik nicht zurückscheute. Seine Abgrenzung ist verständlich, gründet doch die gesamte von ihm initiierte Geisteswissenschaft auf der Annahme, dass der Mensch sehr wohl sehend und erkennend in die geistige Welt vordringen könne.

Natürlich bestreitet auch Steiner nicht, dass es eine Dualität gibt. Wir leben in einer dualistischen Welt, und zwar so, dass wir zwischen der physischen und nichtphysischen Dimension existieren, sowohl in die eine wie in die andere hineinragend. Zeitlebens können wir weder das Irdische abstreifen und himmelwärts streben noch uns vom Geistigen lösen, um ganz Erde zu werden. Unsere Aufgabe als menschliche Wesen ist es, beide Welten, Natur und Geist, zu einer harmonischen, sinnerfüllten Einheit zu führen. Das kann nur in unserer Seele geschehen. Davon scheint auch Steiner zu sprechen. „Die Wahrheit erkennen, heißt, sich stehend erkennen in den beiden Strömungen, die ich angedeutet habe: im Reiche der Zeit und im Reiche der Dauer.“[6] Vielleicht kann man diese Aussage durchaus als den Versuch verstehen, aristotelisches und platonisches Denken zu vereinen.

Erlösung

Nachdem ich in jungen Jahren angefangen hatte, philosophische Werke zu lesen, fühlte ich mich schon bald zu den Lehren Platos hingezogen. Die Vorstellung einer jenseitigen Welt, die so ganz anders als unsere gewohnte Umgebung im Alltag sein solle, lichtvoll, rein und erhaben, machte auf den idealistischen Jüngling, der ich damals war, einen starken Eindruck. Die Schwärmerei des jungen Mannes ist inzwischen einer nüchternen Betrachtung gewichen. Geblieben ist aber die Ahnung, im platonischen Denken, Fühlen und Empfinden meine geistige Heimat zu haben. Dazu gehört die merkwürdige Tatsache, dass ich meinen Intellekt benutze, um immer wieder auf die Grenzen des Intellekts hinzuweisen. Dazu gehört auch meine Distanzierung von Geschichtsbetrachtung, von dem, was gewesen sein soll, dort und damals, und mein lebhaftes Interesse für den gegenwärtigen Moment, für das Innehalten und Innewerden im Hier und Jetzt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass es mich mit 22 zu Krishnamurti führte, der wie kein anderer, die Vorstellung einer spirituellen oder moralischen Entwicklung in der Zeit radikal in Frage stellt. Krishnamurti spricht, mit Steiners Worten gesagt, ganz aus dem „Reich der Dauer“, in dem es die linear verlaufende Zeit nicht gibt. Es ist dies auch das Reich der höheren geistigen Wesenheiten, die Plato als Ideen bezeichnete.

In der Anthroposophie, so wie sie mir begegnet, lebt stark der Gedanke des geschichtlichen, biographischen oder karmischen Werdens. Damit verbunden ist die Vorstellung eines so oder so gearteten Übungsweges, der die Anwendung von Techniken und damit das Denken in Ursache und Wirkung vorsieht. Sehr leicht wird dabei das Erreichen-Wollen zu einem Erzwingen-Wollen. Von Plato ist überliefert, dass er den menschlichen Körper als Kerker oder Grab der Seele angesehen hat. Aristoteliker im Allgemeinen und gewiss auch aristotelisch denkende Anthroposophen würden ihm darin nicht zustimmen. Aber das Gefühl im Körper eingesperrt zu sein, weckt in der Seele einen starken Impuls, nämlich die Sehnsucht nach Erlösung. Dabei geht es nicht bloß um die Befreiung vom Leib, obwohl das für mein Seelisch-Geistiges dem Lüften eines Schleiers gleichkäme und also eine größere Einsicht erlauben würde. Es geht vor allem auch um eine Erlösung von Zwang, dem Zwang, der immer auftritt, wenn ich etwas erreichen will.

Das zentrale Thema in der Anthroposophie ist die Bedeutung des Christus für die Entwicklung der Menschheit und des Menschen. Als entscheidend dabei gelten das Erkennen dieser Wesenheit im Ätherischen und die bewusste Zusammenarbeit mit ihr. Christus wird meistens als Geist der Sonne oder als Welten-Ich angesprochen, selten aber als Erlöser. Hervorgehoben wird in der Anthroposophie die Arbeit am individuellen Karma, was ihr bereits zu Steiners Lebzeiten die Kritik bescherte, es ginge ihr nur um Selbsterlösung.[7] Aber die Streitfrage Erlösung versus Selbsterlösung geht am eigentlichen Problem unserer Unfreiheit vorbei. Wir sind unfrei, solange wir etwas erzwingen wollen. Und etwas erzwingen wollen wir immer dann, wenn wir meinen, vorankommen, uns entwickeln, besser werden zu müssen.

Ich spüre, dass in dieser Frage das Verständnis dessen, was der Wille ist, einer entscheidenden Bedeutung zukommt. Wir sagen: „Ich will“ aber wer ist es, der will? Wenn es das egoistische Ich ist, bewege ich mich wollend durch die illusionäre Zeit. Ich erreiche dieses und jenes, gewinne und verliere, komme nicht zur Ruhe, finde keinen Frieden, will mehr, strenge mich an, übe, arbeite, mache und will dabei ständig etwas erzwingen. Doch wenn es mir gelingt, mit dem Herzen zu sagen: „Nicht ich, sondern Christus in mir will“, lade ich die Ewigkeit in mein Leben ein. Ich bin für den Moment aus dem Strom der Zeit erlöst und unterliege nicht mehr dem Zwang des kausalen Denkens. Dann nehme ich das, was auf mich zukommt, was mir zukommt, als Offenbarung aus dem „Reich der Dauer“, aus der überzeitlichen Welt der Ideen-Wesenheiten. Ich kann nicht darüber verfügen, denn hier geht es um eine freudige, dankbare Hingabe.

Der Aristotelismus hat die Entwicklung des menschlichen Intellekts gefördert und damit indirekt auch den Egoismus im Menschen gestärkt. Von diesem Egoismus ist die anthroposophische Bewegung und sind vor allem die Gesellschaften nicht verschont geblieben. Ob der Platonismus in der Anthroposophie Platz hat, hängt also auch von der Frage ab, ob es uns Anthroposophen gelingt, unseren Egoismus zurückzudrängen.


[1] „Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.“ Paulus, 1. Thessalonicher 5, 1-2

[2] Vergl. RUDOLF STEINER, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen. Ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit, Dornach, 20003, Seite 156

[3] RUDOLF STEINER, Die Polarität von Dauer und Entwicklung im Menschenleben. Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit, GA 184, Verlag der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz, 1968, S. 71

[4] RUDOLF STEINER, Goethes Weltanschauung, GA 6,Dornach, 1963, Seite 28

[5] RUDOLF STEINER, Die Polarität von Dauer und Entwicklung im Menschenleben. Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit, GA 184, Verlag der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz, 1968, Seite 210

[6] A.a.O. Seite 162

[7] Vergl. RUDOLF STEINER, Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken II, Spirituelles Erkennen, Religiöses Empfinden, Kultisches Handeln, GA 343a, Dornach 1993, Seite 334


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