Gewissen

Innere Verpflichtung, Freude und Glück

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In einer Krisenzeit, wie wir sie momentan erleben, sehen wir uns von zwei Seiten bedroht. Einerseits können wir uns angesichts einer Entwicklung, die gewaltige Umbrüche mit sich bringt und die Welt in technischer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht radikal verändert, sehr klein, machtlos und unbedeutend vorkommen. Wir werden mutlos, depressiv, vielleicht sogar apathisch und suchen, uns abzulenken. Bloß nicht hinschauen, bloß nicht daran denken! Andererseits sind die tiefgreifenden, scheinbar von oben herab verordneten Änderungen aber auch dazu angetan, unseren Widerstandsgeist zu wecken. Wir lehnen uns auf, werden kämpferisch, aggressiv-rechthaberisch und suchen, andere von unserer Sichtweise zu überzeugen. In beiden Fällen, Depression und Aggression, lassen wir uns gehen, bleiben nicht in unserer Mitte, verlieren uns. Wie können wir das vermeiden, was stärkt unser Ich? Das Ich richtet sich doch von innen her auf. Das ist der Weg, dieser zweifachen Bedrohung zu entkommen. Wir sollten uns daran erinnern, dass es noch eine andere Welt als die erscheinende gibt. Gelingt es uns, zu dieser in uns verborgenen, jenseitigen, geistigen Welt in Beziehung zu treten, stellt sich alles Erscheinende, einschließlich unseres eigenen Handelns in der Welt, auf einmal ganz anders dar.

Die Kräfte der Entwicklung sind in der Tat gewaltig. Niemand scheint in der Lage, sie aufzuhalten, nicht einmal die sogenannten Mächtigen dieser Welt. Wie ein gigantischer Strom reißt die Entwicklung alles und jeden mit sich. Man ist schon froh, wenn man nicht untergeht. Sich dem Sog zu entziehen, scheint ein hoffnungsloses Unterfangen. Wer ist beispielsweise noch dazu imstande, sich der fortschreitenden Digitalisierung zu verweigern und komplett darauf zu verzichten? Die Ohnmacht ist da, ob wir uns nun damit konfrontieren oder nicht. Je nach Typ und Temperament macht sie uns traurig, fatalistisch, leichtsinnig oder zynisch. Sie kann uns aber auch wütend machen. Doch egal, wie unsere Reaktion ausfällt, es ist immer genau das, eine Re-Aktion. Wir sind Getriebene und glauben nicht mehr daran, dass wir die Verantwortung für unser Dasein tragen können.

Das ist nicht verwunderlich, denn uns wurde und wird von vielen Seiten her versichert, wir seien unfrei, Freiheit sei eine Illusion, könne es gar nicht geben. Und tatsächlich unterliegen wir vielen Zwängen und Naturnotwendigkeiten. Unnötig, sie hier alle aufzuzählen. In einer Hinsicht jedoch sind wir frei: Wir haben die Möglichkeit, Verantwortung für uns und unser Leben zu übernehmen. Das können wir aber nur, wenn wir die Gewissheit haben, von dem, was in uns verborgen ist, fortwährend geführt zu werden. Auf den ersten Blick erscheint das paradox. Aber diese innere Führung ist eben keine Fremdbestimmung wie die Manipulation durch die Welt der Meinungen, Medien und Machthaber. Sie ist geprägt von Wohlwollen, Güte und Weisheit und in einer intimen Weise mit uns verbunden. Sie ist eben nicht „fremd“. Im Gegenteil! In ihr kommt unser „Selbst“ viel klarer zum Ausdruck als in unseren üblichen, oft von Angst gesteuerten Reaktionen. Die innere Führung ist in einem höheren, wahrhaftigeren Sinne Selbstbestimmung.

Erst auf diese Weise selbstbestimmt können wir Verantwortung für unser Leben tragen. Denn nun ist eine Klarheit in uns, eine Selbstverständlichkeit, die uns vor dem gnadenlosen Zwang schützt, mit der die Welt uns antreibt. Wir fällen Entscheidungen, ohne uns dabei auf die Wünsche oder Weisungen anderer zu berufen, wissen zugleich aber, dass die Ereignisse in unserem Leben aus dem Innern, vom Geiste her bestimmt sind. Das zu wissen, also die Gewissheit zu haben, aus der inneren Welt des Geistes geführt zu sein, heißt zu glauben. Nach außen hin, in der erscheinenden Welt, treffe ich völlig selbstständig eine Entscheidung, trage sie und übernehme die Verantwortung für alles, was unmittelbar daraus folgt. Ich sehe nicht immer gleich die Weisheit darin, wundere mich mitunter, aber ich vertraue auf den verborgenen Sinn.

Im guten Glauben stehe ich zu meiner Entscheidung, notfalls auch gegen allerlei Widerstände, und darin liegt ein gewisser Stolz. Innerlich aber weiß ich mich im Dienst der göttlichen Seele, der Neschamah. Und dieser Gottes-Dienst aus freien Stücken ist die Quelle meines Glücks. So ergänzen und bedingen sich innere Hingabe und äußere Furchtlosigkeit.

Der US-amerikanische Anthropologe Carlos Castaneda lernte über ein Jahrzehnt lang beim Yaqui-Indianer Don Juan Matus, der sich als Krieger und Zauberer verstand. Eines Tages sprach Don Juan über die Notwendigkeit, die eigene „persönliche Geschichte“, das heißt die Fehlwahrnehmung des Egos auszulöschen. Dazu schlug er drei Techniken vor. Man solle „das Gefühl eigener Wichtigkeit verlieren, Verantwortung übernehmen und den Tod als Ratgeber benutzen.“ [1] Allein schon diese praktische Empfehlung zeugt von erstaunlicher Weisheit und Erfahrung. Auch hier begegnet uns das scheinbare Paradox, sich selbst einerseits nicht wichtig zu nehmen, andererseits aber Verantwortung zu tragen. Man ahnt, dass der Tod dabei ein Helfer von entscheidender Bedeutung ist.

Wer sich selbst wichtig nimmt, also von der Wichtigkeit seiner Handlungen, Gedanken und Worte überzeugt ist, identifiziert sich gänzlich mit seiner erscheinenden Seite. Er merkt nicht, wie sich sein Dasein fortlaufend aus der verborgenen Seite seines Seins kreiert. Stattdessen betrachtet er sich als Macher im Bunde mit der Welt der Entwicklung. Er lebt in einem Rausch, hingerissen von den schier grenzenlosen Möglichkeiten der Technik und des Wissens, und kennt weder Hingabe, Dankbarkeit noch Bescheidenheit. Sein Machbarkeitswahn täuscht ihn über die Tatsache hinweg, dass er in Wirklichkeit fremdbestimmt ist. Denn die Welt der Entwicklung ist die Welt der Gesetze und Gesetzmäßigkeiten, der Sachzwänge, Vorschriften, Regularien, Weisungen.

Überzeugt von der eigenen Wichtigkeit will er vorankommen, etwas erreichen. Er lernt schnell, dass dabei unbedingt die Spielregeln des gesellschaftlichen Aufstiegs zu beachten sind. Man muss die eigenen Leistungen als Erfolge darstellen, Fehler und Schwächen möglichst vertuschen, sich mit einflussreichen Leuten gut stellen und Meinungen vertreten, die keinen Widerspruch erregen. Andersartige Stimmungen oder Gefühle, die aus dem Innern kommen, irritieren da natürlich und werden unterdrückt. Als Macher muss er die Arithmetik der Macht befolgen, das heißt, Ursachen und Wirkungen für sich nutzen, berechnend sein. Berauscht von der eigenen Wichtigkeit handelt der Mensch mit einem Wort: gewissenlos.

Aber auch der ängstlich Angepasste, der brave Bürger, der fraglos jede Vorschrift einhält, jede Direktive befolgt, jeder staatlichen Autorität gehorcht, kann sich nicht auf sein Gewissen berufen. Er braucht Gesetze, die ihm sagen, was sozial, solidarisch, würdig und anständig ist, und diese Gesetze zu befolgen, ist ihm heilige Pflicht. Er kennt keine innere Verpflichtung, fürchtet sich vor ihr, da er ahnt, dass sie ihn mit der Meinung der Mehrheit in Konflikt bringen würde. Sein Gefühl von Wichtigkeit bezieht er aus seinem Gehorsam gegenüber Staat, staatlicher Wissenschaft und medial propagierter Moral. Je ausgeprägter seine Fügsamkeit, umso wichtiger fühlt er sich. Die Selbstgerechtigkeit des Hörigen ist sein Rausch.

Wer dagegen lernt, das Gefühl eigener Wichtigkeit zu verlieren, verleugnet nicht etwa seine weltliche Person, sein Ego, erkennt aber in ihm den Diener. Als selbstherrlicher Macher kann das Ego nur gewissenlos handeln, da es tatsächlich nicht weiß, wie alles Vergängliche aus dem Unvergänglichen hervorgeht. Deshalb bezieht das Ego seine ganze Kraft aus der Angst. Im Grunde ist es mit all seinem geschäftigen Tun eine Fluchtbewegung. Es fürchtet den Tod, weil es von der Ewigkeit nichts weiß. Deshalb ist die dritte Empfehlung Don Juans, den Tod als Ratgeber zu benutzen, tatsächlich weise. Der Tod ist es, der uns auf die Endlichkeit alles Erscheinenden hinweist. Bei nüchterner Betrachtung führt das nicht etwa zu Depression und Fatalismus. Vielmehr weckt Todes Gegenwart in uns die Frage nach der Quelle unseres Seins. Wenn wir lernen, unser Leben in Übereinstimmung mit dieser Quelle zu führen, einer Quelle der Inspiration und Fürsorge, übernehmen wir Verantwortung. Übereinstimmung, in Verbindung stehen, heißt doch auch Korrespondenz und das lateinische respondere finden wir im englischen responsibility wieder, was ebenfalls Verantwortung heißt.

Wenn diese Übereinstimmung von Sehen und Tun, von Vernehmen und Sprechen bei uns lebt, verleiht sie unserem Ich Stärke. Dann stehen wir aufrichtig und sicher in der Welt, mit der Gewissheit des Glaubens. Ohne diese Stärke ist es sehr schwer, die Stimme des Gewissens zu vernehmen und fast unmöglich, ihr entsprechend zu leben. Es ist keine Stärke, die auf Wissen, Macht und Status beruht. Die Ich-Stärke erwächst aus der Liebe zur geisterfüllten, göttlichen Seele. Erst sie erlaubt uns, die Angst vor Verlust und Unsicherheit soweit zu bändigen, dass wir überhaupt bereit sind, uns unserem Innern zuzuwenden.

Anders als das Wort vielleicht impliziert, zeigt sich Ich-Stärke nicht so sehr in Willenskraft und Tatendrang, sondern in der Fähigkeit zur freudigen Hingabe. Unser Gewissen erwächst aus unserer Geist-Treue.

Aber kann ich auch gewissenhaft handeln? Ist ein Tun oder Nichttun, ein Reden oder Schweigen gewissenhaft, wenn es aus der Übereinstimmung mit der verborgenen Quelle meines Seins geschieht? Die Frage wirft eine andere auf: Wie weiß ich um diese Übereinstimmung? Goethe sagt: „Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.“ [2] Das verstehe ich so, dass der Handelnde im Moment des Tuns nicht weiß, ob und inwiefern er damit der inneren Führung entspricht. Vielleicht weiß er gar nichts von einer Lenkung aus dem Innern. So oder so könnte er es erst wissen, indem er sein Tun wie von außen betrachtet. Das klingt nach einer zeitlichen Abfolge. Ich tue etwas und schaue, mich erinnernd, rückblickend darauf. Oder ich wäge gewissenhaft meine Optionen ab und gehe danach zur Handlung über. Wenn es nur diese Aufspaltung in ein Vorher und Nachher gäbe, stellte sich unsere Situation ziemlich hoffnungslos dar. Was aber, wenn der Betrachtende in der Handlung zugegen wäre?

Sofern ich als Handelnder in Korrespondenz mit der Schöpferkraft meiner inneren Führung, der göttlichen Seele, stehe, bin ich zugleich auch Betrachter. Dabei mache ich eine erstaunliche Erfahrung: Es handelt sich durch mich, es spricht sich durch mich. Was heißt das? Gemeint ist hier nicht etwa das Freud’sche Es, die Welt der unbewussten Triebe und Begierden, also das, was in der Anthroposophie Empfindungsseele oder in der jüdischen Überlieferung Nefesch genannt wird. Gleichwohl kommt etwas zum Ausdruck, was ich nicht machen oder steuern kann. Eine innere Führung, die ich, wenn ich mich selbst zu wichtig nehme, übersehe und überhöre, macht sich nun bemerkbar. Ich tue etwas und wundere mich schon im nächsten Moment, also fast zeitgleich, was sich da durch mich tut. Ich spreche ein Wort, formuliere einen Satz, und höre das Gesagte selbst mit Erstaunen – so als hätte ein anderer gesprochen. Und doch bin ich dieser „andere“ selbst; er ist kein Fremder, nichts Unheimliches oder Bedrohliches.

Ist die Übereinstimmung da, die Verbindung, erlebe ich mich als ausführendes Organ einer verborgenen, inneren Weisheit, die ich ebenfalls bin. Es handelt sich also nicht um eine Spaltung meiner Persönlichkeit. Gerade weil ich diese innere Weisheit als das Wesen meiner selbst erlebe, mein „wahres Ich“, könnte man sagen, kann von einer Schizophrenie nicht die Rede sein. Denn was mir aus dem Verborgenen kommt, streitet nicht mit mir, macht mir keine Vorwürfe, sucht nicht, mich zu überreden, übt keinerlei Zwang aus. Im Gegenteil! Die Übereinstimmung, dieses Korrespondieren von außen und innen, geht mit einem Gefühl der Freude und Beglückung einher. Gerade das, was sich als Wesentliches durch mich tut oder aussagt, bin ich freudig bereit, zu verantworten. Genau genommen kann ich nur dieses verantworten. Ich entdecke in mir eine Quelle, an der ich mich „orientieren“ kann. Und der Orient zeigt doch die Richtung, aus der das Licht kommt.


[1] Carlos Castaneda, Der Ring der Kraft. Don Juan in den Städten, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1976, Seite 263

[2] Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hrsg. von Max Hecker, 1907. Aus: Kunst und Altertum, 5. Bandes 1. Heft, 1824

Kommentare

Ich spüre die Wahrheit in deinen Worten. Gerade deshalb haben sie mich zum Teil auch schmerzlich berührt.

Ja, ich bin davon überzeugt, dass das Wissen um die Verbundenheit mit der inneren Quelle das Gefühl, dass das Leben unbefriedigend sei, heilt. Aber wohl auch der einfache religiöse Glaube gibt den Zerrissenen Frieden und verbindet die Isolierten.

In ihrem Buch „Das erwachte Gehirn“ beschreibt Lisa Miller, die als Ärztin in einer psychiatrischen Einrichtung gearbeitet hat, Patienten, die meistens nur stumm und isoliert voneinander dasitzen, mit verschränkten Armen und steifen Körpern. Bei einer religiösen Feier erlebt sie später, wie genau diese Menschen wieder Anschluss an ihren verschütteten Glauben finden, sich völlig hingeben und zu einer universellen Gemeinde verschmelzen.

Ich selbst sehe mich im Niemandsland. Den Glauben meiner Kindheit habe ich weitgehend verloren. Die tiefe Gewissheit, von innen geführt zu werden, habe ich noch nicht gewinnen können. Meine starke Sehnsucht nach unmittelbarer Erfahrung meines wirklichen Seins, meiner wahren Herkunft lässt aber nicht nach.

Du schlägst nun vor, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, was aber, wie du selbst schreibst, die Gewissheit um die innere Führung voraussetzt. Don Juan legt außerdem nahe, das Gefühl für die eigene Wichtigkeit aufzugeben und den Tod als Ratgeber zu betrachten. Ja sicher, auch das lässt mich nach der Quelle meines Seins fragen. Aber es schmerzt mich sehr, dass die Antwort in Form dieser unmittelbaren Erfahrung immer noch auf sich warten lässt.

Rüdiger P.

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