So viel Zeug!

Warum wir im Lauf des Lebens immer mehr Dinge ansammeln

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Die Vergänglichkeit, die Tatsache also, dass alles, was wir haben, unausweichlich und unwiederbringlich verschwinden wird, ist ein Schrecken. Er steckt uns tief in den Knochen, denn die Verlusterfahrung gehört zur Erbmasse unserer Spezies, Erinnerung unserer Ahnen. Und so ahnen wir wohl, was uns bevorsteht, nicht nur Haus und Hausrat, Bankkonto, Auto, auch unser gesellschaftlicher Status, die Anerkennung durch andere, unsere Leistungen und Erfolge, letztlich natürlich auch unsere „Wohnung“ im engeren Sinne, unser Körper – all das geht eines Tages verloren. Wir wissen es wohl, aber wir ertragen diese Vergänglichkeit nicht. Wir blenden sie aus. Wie sollte man sonst auch leben? Die vage Zeitangabe „eines Tages“ ist eine Erfindung unseres ängstlichen Intellekts, eine Abstraktion. Sie dient dazu, uns für den Moment zu beruhigen, Aufschub zu gewähren. Wir sagen zwar „eines Tages“, meinen aber in Wahrheit „noch sehr, sehr lange nicht“. Aber je älter wir werden, umso stärker rückt das Damoklesschwert der endgültigen Trennung in den Fokus unseres Bewusstseins.

Der durchschnittliche Mitteleuropäer nennt eine mehr oder weniger große Ansammlung von Dingen sein eigen. Spätestens wenn wir umziehen oder den Haushalt verstorbener Verwandten auflösen, erkennen wir, wie viel Zeug jeder von uns mit sich herumschleppt. Warum ist das so? Warum sammeln wir im Lauf unseres Lebens immer mehr Gegenstände aller Art und können uns oft so schlecht wieder davon trennen? Eine sehr grundlegende, natürliche Erklärung lautet: Die Besitztümer vermitteln uns ein Gefühl von Sicherheit und besänftigen unsere kreatürliche Angst vor Hunger und Entbehrung. Wer gern darwinistisch denkt, mag dieses Reaktionsmuster als ein Erbe unserer Vorfahren betrachten. Allerdings darf man sich dann nicht auf den sogenannten Urmenschen beziehen, denn der war stets mit geringstmöglichem „Gepäck“ unterwegs, musste er doch stets mit der Notwendigkeit rechnen, sich schnell vor wilden Tieren in Sicherheit zu bringen. Ein schweres, um den Leib gewickeltes Bündel voller Habseligkeiten wäre ein lebensentscheidender Nachteil gewesen.

Die unmittelbare Existenzsicherung ist gewiss ein legitimer Grund zur Anschaffung bestimmter Dinge wie Haus, Kleidung, Essensvorräte, Brennmaterial, Werkzeuge. Dass aber unsere Sammelwut weit über diese Basics hinausgeht, zeigt, dass noch andere Motive im Spiel sind. Gerade in einer Gesellschaft, in der Status und Lebensstandard wichtig sind, helfen uns unsere Besitztümer ein Selbstbild zu etablieren, das uns als einen Menschen zeigt, der es zu etwas gebracht hat, der sich etwas leisten kann. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, die Kleider, die wir tragen, die Restaurants und Theater, die wir besuchen, die Urlaubsreisen, die wir buchen, werden Teil unserer Identität. Wir profilieren uns über das, was wir haben. Vielleicht gehört das zum „Überlebenskampf“ in einer Gesellschaft, die großen Wert auf Selbstdarstellung und Selbstvermarktung legt.

Aber es gibt noch eine weitere Erklärung dafür, dass sich unsere Unterkünfte im Laufe der Jahrzehnte immer weiter mit Gegenständen füllen. Wir erwerben, erhalten oder erben auch Dinge, die für uns, wie man sagt, einen emotionalen Wert haben. Uns von diesen zu trennen, fällt uns besonders schwer. Sie verbinden uns mit Urlaubserlebnissen und anderen Ereignissen, mit Menschen und Orten, Stationen unserer Lebensreise, kurz mit unserer Vergangenheit. Fotoalben, Tagebücher, Souvenirs, Geschenke – sie alle sind, könnte man sagen, materialisierte Vergangenheit, Gedächtnisstützen. In ihnen kommt der Wunsch zum Ausdruck, Vergangenes festzuhalten. Wir schauen sie gelegentlich an, nehmen sie vielleicht in die Hand, mal mit einem wehmütigen Lächeln, mal staunend über uns selbst, mal mit dem Bedauern, dass alles doch so schnell vorbeigeht. Zurückholen kann dieses Relikt unserer Biografie die Vergangenheit natürlich nicht und gerade deshalb verstärkt es sogar noch den Eindruck, dass die Zeit rinnt, und uns beschleicht das bange Gefühl, dass das Beste schon hinter uns liegt.

Bislang argumentierte ich, dass man viele Dinge, die sich in unseren Wohnstätten anhäufen, nicht wirklich braucht und oft auch nicht benutzt. Und dann gilt eben das Dichterwort, dass eine schwere Last ist, was man nicht nützt.[1] Aber muss denn alles einen Nutzen haben? Gibt es nicht auch Besitztümer, die weder das Sicherheitsbedürfnis oder das Verlangen nach Prestige befriedigen noch der „Aufbewahrung“ emotionaler Vergangenheit dienen? Wie ist es mit Kunstgegenständen, den schönen Dingen? Wir erfreuen uns doch am Anblick ästhetisch gestalteter Räume, formvollendeter Designs, origineller Moden, stilvoller Schmuckstücke. Sind es nicht gerade die schönen Dinge, die unsere Lebensqualität ausmachen? Ist es deshalb nicht gerade der Sinn unseres Daseins, uns mit lauter ansprechend gestalteten Gegenständen zu umgeben?

Ich möchte und kann hier nicht weiter auf die Frage eingehen, was eigentlich schön ist, inwiefern unser Geschmack kulturell bedingt und damit anerzogen ist. Gerade in Bezug auf Stile und Moden spricht einiges dafür, dass wir durch die Kreise, in denen wir uns bewegen, beeinflusst werden. Insofern kann man wohl sagen, dass wir lernen, bestimmte Dinge schön zu finden, andere dagegen hässlich, billig oder kitschig. Lassen wir das also hier außer Betracht. Nehmen wir naiverweise an, dass wir nicht etwas deshalb schön finden, weil es wertvoll ist, in unserem sozialen Milieu als schön und geschmackvoll angesehen wird oder eine moralisch-emotionale Botschaft vermittelt, sondern rein um seiner selbst willen. Dann bleibt immer noch die Frage, weshalb wir es besitzen müssen.

Ich blicke auf die Choreografie bewegter Wolken am Himmel, auf einen kleinen Teppich Winterlinge am Fußes eines kahlen Baumes, Gräser, die sich im Wind wiegen, einen Strudel im schnell fließenden Bach. Auch hier ist Schönes, trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Vergänglichkeit, und ich kann es nicht besitzen. Die Freude daran lebt im Moment des Gewahrwerdens. Die Natur stellt ihre Vollkommenheit im unaufhaltsamen Wandel dar. Ich könnte Fotos machen, um den Augenblick „festzuhalten“ (verweile doch, du bist so schön!) aber ich spüre, das Ergebnis wäre immer nur eine Konserve, keine lebendige Begegnung.

Vielleicht ist der Garten der Ort, an dem unsere Gestaltungsfreude, unser Habenwollen und die Schönheit des Vergänglichen zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Nutz- oder einen Ziergarten handelt. Wer das Glück hat, sich um einen Garten kümmern zu dürfen, weiß um die Vergänglichkeit des Erscheinenden. Rhododendren blühen einige Wochen, Rosen vielleicht ein paar Monate. Dann ist Schluss. Salat und Spinat werden noch vor der Blüte geerntet und verspeist. Abfälle wandern auf den Komposthaufen. Es ist ein Kommen und Gehen. Gärtner arbeiten im Dienst der natürlichen Entwicklung. Weshalb aber machen sie sich so viel Mühe, wenn doch von vornherein klar ist, dass die Ergebnisse ihrer Arbeit höchst vergänglich sind? Ich ahne, dass auch hier das Lebendige, die lebendige Begegnung entscheidend ist. Man verbindet sich mit der Natur und hat Freude – unabhängig vom Ertrag. Die Natur ist eine Lehrmeisterin der Schönheit – in jeder Jahreszeit, in jeder Phase des Entstehens und Vergehens. Sie lehrt uns, dass Schönheit im Auge des Betrachters entsteht. Wenn wir also die „schwere Last“ ungenützter Dinge spüren, wäre ein Waldspaziergang einer Tour durch die Einkaufspassage oder den Onlineshop auf jeden Fall vorzuziehen.

Gerade in der Natur erfahren wir unmittelbar, wie bedeutsam Vergänglichkeit ist. Egal, was uns widerfährt, welche Lasten wir tragen müssen, Mangel, Schmerz, Demütigung, Verlassenheit, Verlust, Diffamierung – es geht vorbei. Es kommt ein neuer Tag, ein neuer Frühling. Das ist eine enorme Erleichterung, diese Gewissheit, dass am Ende immer die Erlösung steht. Genau besehen ist die Vergänglichkeit ein Segen. Man stelle sich nur vor, es würde nichts vergehen. In kürzester Zeit hätten wir unhaltbare Zustände. Nicht nur würde die gesamte Natur bald an ihrer eigenen Masse ersticken, auch unsere Gehirne wären, da wir nichts mehr vergessen könnten, hoffnungslos überlastet. Wir leben im Fluss der Zeit, alles kommt und geht und darin drückt sich eine tiefe Weisheit aus. Dennoch flößt uns diese Endlichkeit alles Erscheinenden Angst ein.

Ich frage mich, ob wir die Vergänglichkeit deshalb so sehr fürchten, weil wir keinen Zugang zum Unvergänglichen finden. Gibt es das überhaupt, dieses Unvergängliche? Was sollte das denn sein? Natürlich kann es sich nicht um etwas handeln, was draußen in Erscheinung tritt. Es lebt, wenn überhaupt, in mir. Beziehungen haben mich innerlich bereichert, aber nicht in dem Sinne, dass in meiner Vergangenheit etwas passiert ist, was mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin. Dann wäre ich, im Sinne der Evolution, doch nur ein Produkt meiner Vergangenheit, oder allgemeiner gesagt, ein Phänomen der geschichtlichen Zeit, bald verblasst und vergessen. Ich verstehe es eher umgekehrt. All die Geschehnisse meines Lebens fügen sich wie Puzzleteile zusammen und zeigen mir, wer ich bin. Das, was ich geliebt und gelebt habe, ist Teil von mir. Es ist jetzt da.

Ich habe in den letzten zehn Jahren zehn Bücher geschrieben. Was bleibt davon? Sicher nicht die gedruckten Exemplare. Sie werden eines Tages genauso verschwinden wie ein altes Haus, das abgerissen wird, und nur noch Staub sein. Natürlich werden auch die auf irgendeinem Server gespeicherten Daten irgendwann gelöscht werden oder verloren gehen. Was bleibt also von diesen Büchern? Sie leben in mir, gewiss, doch wenn ich gestorben bin? Ich weiß es nicht, aber ich vertraue darauf, dass ihre Essenz in der geistigen Welt „aufbewahrt“ wird, eine Essenz, die ich jetzt wahrscheinlich nur erahne. Was weiß ich denn darüber, woher mir die Motivation und Inspiration kam, diese Bücher zu schreiben. Biblische Erzählungen in Hexametern zu fassen, wer macht denn so was? Utopische, visionäre, spirituelle Romane zu schreiben, wie kommt man bloß auf so eine Idee? Ich besitze noch einen kleinen Vorrat gedruckter Exemplare. Vielleicht sollte ich sie vergraben und sehen, was im nächsten Frühling daraus erwächst.

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[1] Was du ererbt von deinen Vätern hast, / Erwirb es, um es zu besitzen. / Was man nicht nützt, ist eine schwere Last, / Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen. (Goethe, Faust I, Vs. 682-685)


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