Wo Innen und Außen sich berühren
Wir leben in einer Zeit, die offensichtlich stark von unserem Intellekt geprägt ist. Der Intellekt, gemeint ist damit der rationale Verstand, produziert fortlaufend Wissen. Aus den Erfahrungen, die wir machen, destilliert er Kenntnisse, die im Gedächtnis gespeichert, häufig aber auch aufgeschrieben werden. All dieses Wissen füllt weltweit inzwischen gewaltige Bibliotheken und der Umfang digitaler Nachschlagewerke ist längst unüberschaubar geworden. Kein Mensch ist noch in der Lage, die ständigen Neuveröffentlichungen zu einem einzigen Fachgebiet zu lesen, geschweige denn einen Überblick über alle Fachgebiete zu gewinnen. Die schiere Menge ist erschlagend. Das führt dazu, dass sich jeder, wenn überhaupt, nur einen winzigen Ausschnitt aus diesem Wissen anzueignen vermag. Man kann es auch so sagen: Wir haben immer mehr Spezialisten, die sich untereinander nicht mehr verständigen können, weil sie sich auf unterschiedliches Wissen berufen.
Wie ist es zu dieser Wissensfülle gekommen? Die Antwort liegt in der Funktionsweise des Verstandes. Denn der Verstand analysiert, das heißt, er zerlegt alles, mit dem er sich befasst, in Teile. Diese Teile zerlegt er in kleinere Teile und diese wiederum in noch kleinere. Und alle derart von ihm generierten Einzelheiten werden mit Begriffen belegt, die mehr oder weniger willkürlich gewählt sind. Unser Intellekt scheint dieses Verfahren unendlich weiterführen zu können. Man spricht daher zu Recht von einer Fragmentierung des Wissens. Und entlang der Bruchlinien der zahllosen Wissensfragmente kommt es zu einer Atomisierung der Gesellschaft, weil Verständigung nicht mehr gelingt, wo sich jeder auf sein angesammeltes Wissen versteift.

Verständigung setzt Beziehung voraus. Beziehung heißt Begegnung in Momenten des Seins. In solchen Momenten schweigt die Vergangenheit und damit alles, was wir einmal gelesen oder gehört und folglich archiviert haben. Das heißt nun nicht, dass wir ohne Wissen sind, so als hätten wir unser Gedächtnis verloren. Vielmehr hören wir auf, Gelerntes und Gewusstes ohne Bezug zum Sein in der unmittelbar erlebten Gegenwart mechanisch zu wiederholen. Wenn es allerdings eine Beziehung zum bewusst erlebten gegenwärtigen Moment hat, sei es, dass es aus einer aktuellen Begegnung hervorgeht, sei es, dass es sich zu einem gegebenen Augenblick in Erinnerung bringt, kann das Wissen helfen, den Sinn einer Erfahrung zu erfassen. Wirft unser Wissen auf diese Weise ein erhellendes Licht auf eine momentan bewusst erlebte Situation, wird es für unser Leben bedeutungsvoll und somit selbst lebendig.
Man könnte also sagen, dass lebendiges Wissen spontan in der Gegenwart des Seins auftaucht. Es erklärt nicht das Geschehen, es lässt vielmehr erahnen, welchen Sinn darin zum Ausdruck kommt. Erklärung heißt immer Rückgriff auf das in der Vergangenheit Archivierte und Konservierte. Die Erfahrung zeigt, dass wir schnell die Beziehung zum Sein des gegenwärtigen Moments verlieren, sobald wir anfangen zu erklären. Typischerweise betrachten wir dabei das Erfahrene als Folge von Ursachen aus der Vergangenheit. Wir wiederholen Altbekanntes. Erklärungen sind also ihrer Natur nach konservativ. Mit ihnen kann man eine Tradition begründen, eine Wissenschaft oder eine Religion. Mit anderen Worten: Solange wir erklären, lernen wir nicht, da wir die Beziehung zum Sein in der unmittelbaren Gegenwart verloren haben.
Erklärungen, die wir anderen geben, sind die Spiegelungen jener Erklärungen, die wir uns selbst geben. Intellektuell geschult, wie wir sind, erklären wir uns fortlaufend, woher etwas kommt, wieso es so ist, wie wir es wahrnehmen, was eine erfolgversprechende Handlung wäre, warum wir einer Aussage zustimmen, eine andere aber ablehnen. Und so wie wir uns selbst die Welt erklären, erklären wir sie auch anderen. Diese aber fühlen sich von unseren Erklärungen nicht angesprochen, spüren mehr oder weniger bewusst, dass sie von uns gar nicht gemeint sind. Ihnen scheint, als hätten wir auf Autopilot geschaltet, indem wir unser Wissen ohne Beziehung zu ihnen abspulen.
Fangen wir also damit an, unser ständiges inneres Erklären zu beobachten, um es dann auf natürliche Weise ausklingen zu lassen. Geschieht Letzteres, verstehen wir, dass wir im Moment nicht wissen, was der Sinn unserer Erfahrung, des Daseins überhaupt, ist. Mit diesem Nichtwissen kommt die Einsicht, dass der Verstand nicht lernt. Er mag vielfältige Dinge benennen, Fakten kombinieren und logische Schlussfolgerungen ziehen – aber er lernt nicht. Ich meine hier mit Lernen also nicht das Ansammeln von Informationen durch die Lektüre von Büchern oder das Hören von Vorträgen. Vielmehr geht es dabei um die Einsicht in das, was wir sind, was das Leben ist. Einsicht ist die Frucht unserer Beziehung zum Leben, die immer eine Beziehung zum jetzigen Moment ist.

Es gibt zahllose Erklärungsmodelle, die sich wie Schleier oder Netze über die Wirklichkeit legen, physikalische, medizinische, politische, psychologische, soziologische, ethnologische oder auch religiöse, spirituelle. Oftmals sind sie es, die bestimmen, was und wie wir wahrnehmen. Sie scheinen uns eine gewisse Macht zu verleihen. Aber die Macht des Intellekts über die Wirklichkeit ist eine Illusion. Nie sind wir der Wahrheit des Seins ferner als dann, wenn wir meinen, alles erklären zu können. Diese tief in unserem Intellekt verwurzelte Neigung aufzugeben, ist ein Akt der Hingabe. Wir erkennen die Begrenzung des Verstandes. Wir wissen so viel, haben so viel gelesen und über die Jahre im Gedächtnis aufbewahrt, aber wir erkennen, dass uns das alles nicht hilft, den jetzigen Moment und den Menschen uns gegenüber zu verstehen. Jede Schablone erweist sich als unzulänglich, wenn es darum geht, die Einzigartigkeit dessen, was uns begegnet, zu erfassen.
Einsicht ist immer janusköpfig, das heißt, wir blicken lernend in die Welt, wie sie uns momentan entgegentritt, und zugleich in uns selbst. Was uns begegnet, zeigt uns, was in uns lebt und beachtet werden will. Das Innere und das Äußere bilden letztlich eine Einheit. Solange wir uns auf das eine konzentrieren und das andere außer Acht lassen, sind wir auf einem Auge blind. Verstehen findet in der Begegnung beider Welten statt. Dort, in diesem Schnittpunkt, ahnen wir ein Sein, das von Zeit und Raum befreit ist. Wir können aber nichts tun, um den Sinn dieses Seins zu erfassen, außer eben auf jegliche Erklärung zu verzichten. Wo uns das gelingt, kann sich Sinn in Erinnerung bringen. Er kommt wie eine Offenbarung. Dann hören wir plötzlich den inneren Wert eines gesprochenen Wortes oder sehen, was der Geist einer Geste gestaltet. In solchen Momenten ahnen wir das Wirken einer Weisheit, die zusammensieht, was der Verstand getrennt hat.
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