Das Labyrinth von Chartres

Und die Erlösung durch die Westrose

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In der berühmten Kathedrale von Chartres, knapp 100 km südwestlich von Paris, ist mit Steinen im Boden des Hauptschiffes ein großes, begehbares Labyrinth geformt. Die schematische Abbildung nebenan zeigt, dass dieses Labyrinth aus einem einzigen, vielfach gewundenen Weg von außen nach innen besteht. Es handelt sich also tatsächlich nicht um einen Irrgarten, ein verwirrendes Durcheinander, in dem der Wanderer ständig in der Gefahr ist, sich zu verlaufen und in Sackgassen zu enden. Hier gibt es weder Sackgassen noch Weggabelungen. Anfang September besuchte ich die Kathedrale mit dem Flötisten, Komponisten und Seminarleiter Helge Burggrabe, der schon seit Jahrzehnten mit dieser Kathedrale verbunden ist. Von ihm erfuhr ich, dass die Strecke von der Labyrinth-Mitte bis zum Westportal gleich lang ist wie von dort hinauf zur Mitte der sogenannten Westrose. Diese drei Punkte bilden ein gleichschenkliges, rechtwinkliges Dreieck, wobei die Verbindungslinie zwischen der Mitte des Rosettenfensters oben und der Mitte des Labyrinths unten die Hypotenuse darstellt.

Offensichtlich stehen also Labyrinth und Rosenfenster miteinander in Beziehung. Doch wie genau? Was ist die Natur dieser Verbindung? In welchem Verhältnis stehen beide zueinander? Es ist naheliegend, darin den Bezug der Waagerechten zur Senkrechten zu sehen. Das steinerne Labyrinth liegt in der Ebene und beschreibt somit einen irdischen Weg. Nach elf Schichten, die über vielen Windungen begangen werden, gipfelt dieser Weg in der Zwölf, die hier die Mitte bildet. Mit der Zwölf ist der Weg zu Ende. Auf der Erde ist die Zwölf die Zahl der Ganzheit, was in den zwölf Tierkreiszeichen oder in den zwölf Monaten eines Jahres zum Ausdruck kommt. Der ganze Jahreskreis, aber auch der ganze Erdkreis ist in dieser zwölf enthalten. Biblisch finden wir sie auch in den zwölf Stämmen Israels, den zwölf Söhnen Jakobs. Zudem bildet unser Ausschnitt der Welt, der sich zeigt, wenn wir uns auf offenem Gelände einmal um unsere Achse drehen, einen Kreis, quasi eine Erdscheibe. Solange wir auf Erden leben, sind wir in diesem Erdkreis eingeschlossen. Wir können im Leben weiter ausholen und größere Kreise ziehen oder unseren Wirkungskreis klein halten. Letztlich drehen wir uns doch immer um uns selbst, unserer eigenen Mitte. Da kommen wir nicht heraus.

Nun wäre unsere Lage im Labyrinth in der Tat ausweglos, ja sogar hoffnungslos, wenn es nicht das Rosenfenster gäbe. Es steht in der Senkrechten, in der Achse also, die zum Himmel weist, und ist damit Ausdruck einer anderen, überweltlichen Realität. Die gesamte Rosette setzt sich aus zwölf Segmenten zusammen, die innen eiförmig, außen wiederum rosettenförmig sind. Christus in der Mitte ist der Dreizehnte, so wie er auch der Dreizehnte im Kreis Seiner zwölf Jünger ist. Die Zahl Dreizehn verweist auf eine jenseitige Welt, eine Dimension außerhalb der linearen Zeit. Sie übersteigt die Zwölf unserer irdischen Zeitrechnung. Einen dreizehnten Monat gibt es nicht. Das zeigt schon, dass die Dreizehn über die irdische Zeit hinausweist, ähnlich wie auch der achte Tag, der Tag der Auferstehung, über die Gesamtheit der sieben Wochentage hinausweist. Die Dreizehn sprengt den unaufhörlichen Kreislauf der Zwölf, so wie der tanzende Gott Shiva aus dem Kreis der endlosen Wiedergeburten aussteigt.

Für mich gibt Christus im Herzen des Rosenfensters den Blick frei auf die Erlösung aus der linearen, irdischen Zeit, die mich mit ihrer unausweichlichen Kausalität in den Zwängen der Gesetze und Gesetzmäßigkeiten gefangen hält. Ich gehe den Weg auf Erden und bewege mich dabei in der Zeit. Manches liegt hinter mir, manches vor mir. Es gibt Entwicklung sowie Dauer, Verzögerung, Beschleunigung, Ungeduld, Langeweile, Fluchttendenzen und dergleichen mehr. Doch hebe ich meinen Blick und schaue auf Christus als den Dreizehnten inmitten der Zwölf, so werde ich daran erinnert, dass Anfang und Ende und damit alle Wege in Seiner ewigen Gegenwart aufgehoben sind. Alle möglichen Lebensmelodien und Schicksalssymphonien sind in Seinem lichten, zeitlosen Dreiklang enthalten.

So richtet sich im Rosenfenster etwas auf, das mich über den waagerechten Weg des Kommens und Gehens hinaushebt. Ich rage mit Christus in ein Reich, das tatsächlich „nicht von dieser Welt“ ist. Doch wie kann ich dieses überweltliche Sein in mein irdisches Dasein integrieren? Wie kann ich das Zeitlose, Ewige, im Lauf der sich entwickelnden Zeit erleben? Dazu ist es, wie ich meine, nötig, mit jedem Schritt, doch spätestens bei jeder Kehre des labyrinthischen Weges meine Ansichten, Vorhaben und Zielrichtungen loszulassen, um frei zu sein für weitere Schritte. Es ist die Aufforderung, immer wieder vergangene Erfahrungen sterben zu lassen. Mit anderen Worten: Es geht um ein Leben mit dem Tod. Wahrlich eine große Herausforderung! Der Tod befreit – vielleicht nicht vom Weg, den ich karmisch bedingt gehe, wohl aber von den Zwängen, die mein Denken und Vorstellen an die Materie ketten. Auf diese Weise öffnet mir der Tod meinen Horizont.

In der Welt des Waagerechten, des Vorher und Nachher, der Schrittfolgen und des folgerichtigen Denkens und Tuns, bleibt Freiheit zwangsläufig unerklärlich und paradoxal. Das Labyrinth von Chartres, dieses große Sinnbild des menschlichen Lebensweges, zeigt einen zwar verschlungenen, aber letztlich alternativlosen Pfad. Es gibt nur diesen einen Weg, der sich zwar häufig um 180 Grad wendet, aber keine Gabelung oder Kreuzung aufweist. Man kann ihn zögerlich oder zügig gehen, öfter innehalten oder gedankenlos voranpreschen, aber man muss ihn offenbar gehen. Sobald man ins Leben getreten ist, hat man keine andere Wahl. Von der Geburt an lebt der Mensch unausweichlich auf den Tod zu. Heißt das also, dass letztlich doch alles in meinem Leben vorherbestimmt ist? Es scheint so und dennoch gibt es hier eine Freiheit. Sie lässt sich allerdings nicht rational erklären; in dieser Welt kann man sich ihr nur mit einer sinnbildlichen oder poetischen Umschreibung nähern. Die Freiheit auf meinem Weg, so wie ich sie verstehe, besteht in einer einzigen Entscheidung: Gehe ich den Weg mit Gott oder gehe ich alleine? Mit anderen Worten: Öffne ich mich für die andere, zeitlose Dimension des Seins oder konzentriere ich mich ausschließlich auf mein zeitliches Dasein.

Die Lebenszeit schreitet unaufhaltsam voran und somit ist ein Rückwärtsgehen, wenn überhaupt, nur in der Erinnerung möglich. Doch diese Erinnerung ist nicht ein Zurückblättern in der eigenen Biografie, keine Recherchearbeit im Archiv des Gedächtnisses, sondern ein Innewerden des Seins. Ein solches Innewerden ist eine Ganzheitserfahrung; in ihm leuchtet die Ahnung auf, dass der ganze Weg in einer unverständlichen und unfassbaren Einheit aufgehoben ist, so wie auch ein ausgewachsener Baum bereits im Samenkorn enthalten ist. Wir zerbrechen uns den Kopf über die Frage, ob wir im Zeichen der Prädestination oder in dem der Freiheit wandeln. Doch der Intellekt mit seiner zeiträumlichen Gebundenheit kann dieses Rätsel nicht lösen. So oder so erscheint uns der labyrinthische Weg durchs irdische Dasein ohne die Dimension der leuchtenden Christusrose wie ein Selbstzweck und damit letztlich sinnlos.

Der Gedanke der Vorherbestimmtheit lässt uns wie Marionetten erscheinen, die an unsichtbaren Fäden hängend bewegt werden. Tatsächlich erinnern mich die Bewegungen mehrerer Menschen, die gleichzeitig durch das Labyrinth gehen, von außen betrachtet, an ein mechanisches Uhrwerk. Schritt für Schritt sehe ich die Lebensuhr eines jeden Menschen ablaufen. Das zeigt deutlich, dass die Außenansicht nicht das Wesentliche erfasst. Beim Gehen des Weges geht es um eine innere Qualität, so wie auch die Freiheit wesentlich eine innere ist. Der Gedanke einer äußeren, physisch verstandenen Freiheit entlässt uns dagegen in eine Welt der Willkür und des Zufalls, in der es weder Geborgenheit noch Sinn gibt. Erst durch das Innewerden einer seelisch-geistigen Führung, das man auch als ein Innewerden Christi bezeichnen kann, nähere ich mich einem Raum von ganz anderer Zeitqualität. Hier weicht das entweder oder einem sowohl als auch. Nun ahne ich, dass es zutrifft, was mir Helge Burggrabe im Gespräch sagte, nämlich, dass es jedem Menschen obliegt, selbst die Qualität der Dreizehn in diese Welt der Zwölf hineinzutragen.

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