Das Ende ist jetzt

Der freie Fall ins Unendliche oder das Aufgehoben-Sein im Ewigen

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Die Vorstellung eines endlosen Universums ist nicht nur irritierend, sie ist auch in hohem Maße deprimierend und entmutigend, lässt sie uns doch als bedeutungslose Nichtigkeit erscheinen, „Dust in the Wind“, wie es im gleichnamigen Song von Kansas heißt, just a drop of water in an endless sea. Für das wissenschaftlich konditionierte Denken befindet sich die Erde an der Peripherie einer gigantischen Galaxie, die ihrerseits bloß eine von vielen Milliarden anderer Galaxien ist. Die Vorstellung ist schwindelerregend. Es ist aber wichtig, daran zu erinnern, dass es sich bei diesem Bild um ein gedankliches Konstrukt handelt – und nicht etwa um eine konkrete Wahrnehmung, eine im Leben gemachte Erfahrung. Die Endlosigkeit ist ein Konzept des Verstandes. Das Denken findet kein Ende und somit auch keinen Halt. Es ist der freie Fall ins Unendliche.

Gleichermaßen deprimierend und entmutigend ist die Vorstellung einer endlosen Entwicklung in der Zeit, ganz gleich, ob man diese nun als biologische oder als spirituelle Evolution versteht. Das Konzept einer unbegrenzten Höherentwicklung ist die Projektion eines begrenzten Denkens. Es kann sich ein Ruhen im Sein, ein Immer-schon- Angekommen-Sein, nicht vorstellen. Rastlos drängt es weiter, will Fortschritt, etwas erreichen; alles andere wäre ihm Stillstand, Stagnation und letztlich Degeneration. Wir können uns dieses Denken veranschaulichen, indem wir auf das Bestreben blicken, in unseren Metropolen immer höhere Bürotürme oder Wolkenkratzer zu errichten. Der Leitspruch des himmelsstürmenden Denkens lautet: The sky is the limit, womit gemeint ist, dass es gar keine Grenze gibt. Es geht immer noch höher, noch weiter hinauf. Dieses Bild zeigt eindrücklich, wie der Verstand dazu tendiert, sich von der Erde zu entfernen, so dass er unweigerlich die Bodenhaftung verliert. Eine endlose Entwicklung – so es sie denn gäbe – wäre ein grausames Gefängnis, wie ein unsterblicher Körper, der die Seele für immer an die Materie bindet. Aber auch ein als endlos gedachter Kreislauf der Wiedergeburten, wofür die Inder den Begriff Samsara prägten, wird als leidvoller Bannkreis angesehen.

Foto: © Michael Raabe, https://www.michael-raabe.de/

Die Aussicht eines Immer-weiter-so lässt nicht nur unser individuelles Dasein, sondern die gesamte Schöpfung als sinnlos erscheinen. Das Denken entwirft die Vorstellung einer Rennstrecke oder Laufbahn mit endlos vielen Etappen. Ob wir nun die Staffel an unsere Nachkommen weiterreichen oder sie in unserer nächsten Inkarnation selbst wieder aufgreifen – nie verweilen wir in einem sich zeitlos dehnenden Ende, nie kommen wir zur Ruhe in der Stille des Seins. Und so finden wir, auch trotz einer gelegentlich verzweifelten Suche, keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Denn der Sinn kommt nicht mit der Zeit, liegt weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit. Hoffend auf Fortschritt sehen wir uns unaufhaltsam vom Strom der Zeit mitgerissen. Zuinnerst erschrocken ob dieser Erkenntnis und zugleich fliehend vor dem, was wir als die Alleinherrschaft des blinden Zufalls ansehen, stürzen wir uns in sinnloses Vergnügen, das unseren Schmerz betäuben soll. Und da ein Denken ohne Ende kein Maß kennt, werden wir maßlos, wollen immer mehr, mehr Einfluss, mehr Follower, mehr Wissen, mehr Sicherheit. Erst vom Ende her erhält alles sein rechtes Maß, so wie doch auch die Musik von der Stille her bemessen wird.

Halten wir den unendlichen Raum und die endlose Zeit für unsere Wirklichkeit, finden wir keine Grundlage für moralisches Handeln. Die unfassbare Weite des Alls – wie gesagt ein extrem abstraktes Konzept – scheint jede Tat zu relativieren. Angesichts der Vorstellung einer unendlichen Leere fällt sie gar nicht ins Gewicht. Wir blicken durch unsere Teleskope und sehen, wie ganze Sterne explodieren oder wie vulkanische Aktivitäten die Oberflächen ganzer Planeten verändern. Was macht, so überlegen wir, im Vergleich dazu schon das bisschen Umweltzerstörung auf unserem Planeten? Wieso sollten wir uns begrenzen, auf andere Lebensformen Rücksicht nehmen? Werden wir nicht bald die Möglichkeit haben, andere Planeten zu besiedeln? Wieso sollten wir Kriege verhindern, Menschenleben schonen? Geht nicht der Strom neuer Geburten endlos weiter, droht nicht gar eine Überbevölkerung? Während wir nach den Sternen greifen und uns anschicken, den Weltraum zu erobern, verlieren wir das konkret Vorhandene aus den Augen, das Lachen spielender Kinder, die Verbitterung in den Augen eines Alten, das Rauschen der Blätter im Wind, die stille Langmut uralter Felsen.

Wir können das Ende nicht denken, so wie wir uns auch unseren eigenen Tod nicht vorstellen können. Das Ende entzieht sich unserer Vorstellung. Wir können es erleben, aber sobald wir darüber nachdenken, ist es nicht mehr da. Wir haben es zu einer Abstraktion gemacht und damit wird es zum Objekt eines intellektuellen Spiels. Was uns hier hilft, ist die Rückkehr zur reinen Sinneswahrnehmung, insbesondere die besinnliche Naturbetrachtung. Die Anschauung jener Gegenstände, du uns umgeben, die unmittelbar vorhanden sind, kann uns ebenfalls helfen, die mechanische Kontinuität des Denkens zu beenden oder genauer gesagt enden zu lassen.

Ende Februar. Gerade erwacht der Frühling. Schon lange vor Sonnenaufgang zwitschern die Vögel und ihr Ruf holt uns ins Jetzt. Sobald wir sie hören, sind wir mit ihnen und spüren die Begeisterung, mit der sie diesen Tag begrüßen. Der Garten ist förmlich übersät mit Schneeglöckchen und das reine Weiß ihrer Blüten leuchtet im Dämmerlicht. Sie sind nicht groß; sie kennen ihr Maß. Dieses Maß wird sogar von der schier unüberschaubaren Größe ihrer Sippe nicht verletzt. Und indem wir sie anschauen, entsteht Beziehung. Die Blümchen scheinen zu spüren, dass wir sie betrachten und voller Freude erwidern sie unseren Blick. Das dauert vielleicht nur einen Moment lang, doch dieser Augenblick ist beseelt vom Hauch der Ewigkeit. Wir können ihn nicht halten; er kommt und geht. Da ahnen wir, dass das Leben immer ein Leben mit dem Ende ist. Die Vögel tragen keine Last, denn sie planen nicht, sie sorgen sich nicht. Sie verhalten sich ganz ihrer Natur entsprechend und in diesem Sinne sind sie frei. Sie suchen nicht, den Moment zu halten, und so sind sie frei für den nächsten. Das Eichhörnchen hüpft mit einer solchen Leichtigkeit von Zweig zu Zweig, dass auch unser Herz ganz leicht wird. Wir spüren, wie es sich seiner Behändigkeit erfreut, wie seine Freude in uns mitschwingt. Und sein buschiger, rotbrauner Schwanz ist vollendete Schönheit. Auch das Eichhörnchen verschwindet. Der Versuch es zu halten, würde den Moment verderben.

Hören wir auf unsere Schritte, ich meine ganz konkret die Geräusche, die unsere Füße machen, während wir uns über den Boden bewegen, während wir unsere Wege über die Erde gehen! Und dann fragen wir uns: Wer geht da? Dasselbe mit unserem Atem! Wir lauschen den Luftzügen durch Mund oder Nase und fragen uns: Wer atmet da? Derlei Selbstwahrnehmungen bringen uns in die Gegenwart. Vielleicht wundern wir uns, dass wir so laut sind. Wir bemerken, wie raumgreifend wir damit wirken. Und indem wir uns wundern, indem wir auf die Geräusche aufmerksam werden, die uns ständig begleiten, endet das automatische Ausblenden dessen, was ist.

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