Liebe

Das Glück der Einheit

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Heil dem, der liebt, denn er erlebt sich und den ganz anderen als Einheit. Dabei stirbt in ihm der Wunsch, den anderen nach seiner Vorstellung umzuformen oder zurechtzuweisen. Vielmehr erwacht in ihm die Achtung vor dem, was ihm im anderen begegnet. Zugleich erkennt er, dass er ohne das, was der andere ist, nicht vollständig wäre. Er freut sich am Wohl seines Gegenübers, gönnt ihm das Glück der Liebe. Missgunst, das sieht er, befällt jene, die unglücklich sind. Die Unglücklichen können nicht geben, denn sie fürchten, zu verlieren und Mangel zu erleiden. Deshalb halten sie an ihren Vorstellungen fest und beharren darauf, recht zu haben. Wer recht haben will, weiß nicht, was Einheit ist. Er grenzt sich vom anderen ab und vertieft damit das Leid seiner Einsamkeit.

Welch ein Triumph, welch eine Gnade, wenn Umkehr geschieht! Geiz wandelt sich in Gebefreudigkeit. Anstatt wir dem anderen seinen Erfolg, sein Wissen und Können neiden, gönnen wir ihm ein glückliches Leben. Wir verteidigen nicht unsere Position, indem wir kleinlich kritisieren, mäkeln, maßregeln oder ablehnen, sondern schleifen die Mauern unserer Trutzburg, schütten den Graben zu und strecken die Waffen. Es ist nicht so sehr Wagemut, der uns in die Lage versetzt, ungeschützt dem anderen entgegenzutreten. Es ist vielmehr die Erkenntnis, dass Liebe nicht sein kann, wo Verteidigung vorherrscht. Unsere Verteidigung verletzt den anderen, so dass auch dieser sich zurückzieht und verteidigt. Dann mögen wir zwar Höflichkeiten austauschen, aber unser Lächeln erstarrt zur Maske und eine Begegnung findet nicht statt. Was wir sind, können wir nicht verlieren. Und zu verlieren, was wir nicht sind, was uns lediglich anhaftet, schadet uns nicht. Mehr noch, Meinungen und Neigungen sollen erst gar nicht zwischen uns und unserem Gegenüber stehen.

Mit der Liebe kommt die Einsicht, dass der ganz andere recht haben könnte. Es ist die Bereitschaft, ihn sein zu lassen mit allem, was er ist, aber nicht gleichgültig oder teilnahmslos, sondern mit dem Interesse eines Wahrheitssuchers. Es ist leicht, etwas anzunehmen von jenen, die uns sympathisch sind. Meistens wird die Sympathie von beiden Seiten empfunden und so sind wir geneigt, freundlich zueinander zu sein und einander zu bestätigen. Wenn wir uns mögen, stellen wir uns nicht gegenseitig in Frage, zumindest nicht grundsätzlich, radikal. Schließlich wollen wir uns ja die Zuneigung des anderen sichern. Wir sind dann, mit anderen Worten, nicht unparteiisch. Und so ist es vielmehr der Fremde, mit dem wir uns nicht in Sympathie verbunden fühlen, der uns zuweilen stark mit uns und unseren Ansichten oder Vorurteilen konfrontiert. Wenn wir uns für ihn öffnen und uns selbst durch seine Augen betrachten, geschieht das Werk der Liebe.

Unsere persönlichen Empfindlichkeiten hindern uns, die Einheit mit dem ganz anderen zu erleben. Sie sind eine direkte Folge unserer Verteidigungshaltung. All das, was wir während unseres Lebens auffahren und in Stellung bringen, um unsere Position zu stärken, etwa unsere Bildung, unser Status, unser Besitztum, dient der Sicherung und Verteidigung dessen, was wir unser „Selbst“ nennen. Diese Art von Selbstbehauptung zieht zwangsläufig Bedrängnis oder Angriff nach sich. Es ist, als ob die Natur des Geistes eine solche Abkapselung nicht dulden kann. Fühlen wir uns also persönlich angegriffen, nicht notwendigerweise physisch, sondern eher mit Kritik und Widerspruch, vielleicht auch mit Geringschätzung oder Nichtbeachtung, so kann uns das zeigen, wo wir starr geworden sind und angefangen haben, uns auf unser Recht zu versteifen. Unser sogenannter Widersacher scheint die Aufgabe übernommen zu haben, uns aus dieser Erstarrung zu erlösen.

Können wir das zulassen? Haben wir die nötige Gelassenheit? Wir kennen alle die automatischen Reaktionen, die quasi instinktive Abwehr: „Das muss ich mir nicht gefallen lassen. Was erlaubt der sich, dieser Wichtigtuer? Der hat ja keine Ahnung. Wenn der wüsste, wen er vor sich hat! Ich bin diesem Ignoranten doch haushoch überlegen. Warte nur, dem werde ich‘s schon noch zeigen!“ – Es versteht sich von selbst, dass wir solche Sätze nicht unbedingt aussprechen müssen. Sie verbalisieren aber die Verletzung oder Beschädigung dessen, was wir als unsere persönliche Wichtigkeit ansehen. Je wichtiger wir uns nehmen, umso mehr werden wir verletzt. Wir sind dann hart und können Schläge nicht etwa ins Leere laufen lassen, sondern halten unverrückbar und unbelehrbar dagegen. Das Gefühl der eigenen Wichtigkeit hindert uns daran, dem ganz anderen, dem uns Fremden, offen zu begegnen. Stattdessen reagieren wir kleinlich, missgünstig, rechthaberisch. Anders gesagt: Wir können nicht lieben, wenn wir uns selbst wichtig nehmen.

Aber sollten wir uns denn nicht wichtig nehmen, uns gar selbst lieben? Hier liegt vielleicht ein Missverständnis vor. Es geht darum, offen und frei zu sein, dem anderen Freude und Glück gönnen und schenken zu können. Diese Verantwortung haben wir alle. Wir können ihr nicht gerecht werden, solange wir uns von anderen abgrenzen, was wir automatisch tun, indem wir uns als etwas Besonderes ansehen. Wer sich selbst wichtig nimmt, nimmt sein Leben nicht ernst. Eigendünkel ist ein Zeichen fehlender Ernsthaftigkeit. Man hält sich für etwas Außergewöhnliches, weigert sich aber, auf den Ruf des Lebens zu antworten, das heißt, sein Dasein in Liebe zu verantworten. Liebe ist eine ernste Angelegenheit, eine Aufgabe, die keine Halbherzigkeit verträgt. Für sie ist alles in jedem Moment gleich wichtig. Sie hat keine Präferenzen. Präferenz ist nur Vorliebe.

Während sich der Selbstgefällige von seinen gewaltigen Burgmauern mit ihren bewehrten Toren und imposanten Türmen beeindrucken lässt, bemerkt er nicht, dass, wie im Märchen, drinnen schon seit langer Zeit eine Prinzessin schläft, die darauf wartet wachgeküsst zu werden. Letztlich ist unsere ganze Festung eine Illusion. Und auch das, was sich in uns wichtig nimmt, ist gar nicht real. Wenn wir uns der verborgenen Prinzessin innewerden, kann der Prinz kommen. Jener ganz andere, der uns widerspricht, ignoriert, bedrängt oder beleidigt, gerade dieser könnte zum Prinzen werden, der unsere von Dornengebüsch überwucherte Burgmauer überwindet und die Prinzessin in uns wachküsst. Jeder sogenannte Widersacher ist insofern ein Geschenk des Himmels, als er in uns den Impuls der Liebe zu wecken vermag.

Ob das geschieht, hängt allerdings von unserer Entscheidung ab. Sich nicht reflexhaft zu wehren oder zu empören, erfordert Achtsamkeit. Denn derlei Abwehrreaktionen erfolgen schnell und automatisch. Wir müssen also sehr wach sein, um sie überhaupt zu bemerken. Uns den gewohnten Reaktionsmustern zu überlassen ist natürlich tausendmal leichter, als uns dessen bewusst zu enthalten und stattdessen für das ganz andere zu öffnen, ohne Absicherung, ohne Schutz oder Garantie. Diese Mühen können am Ende keinem Menschen, der nach dem Glück der Einheit strebt, erspart bleiben. Nicht umsonst ist das Symbol der Liebe die Rose; auf dem Weg hinauf zur Blüte gibt es Dornen.

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